Fachbeiträge

Genau genommen – warum gutes Deutsch beim Coaching hilft

Ein Fachbeitrag von Volker Bormann

Sprachpräzision ist ein wesentliches Coaching-Werkzeug. Wie etwa wollte man exakt fragen, Ziele klar formulieren und bei Feinheiten wirklich auf den Punkt kommen, wenn man es mit den Wörtern nicht so genau nimmt! Der gewandte Umgang mit Sprache ist sogar eine Querschnittsdisziplin, die dem Coach bei vielen Interventionen mehr Wirkung verschafft. Es empfiehlt sich also, dass Coaches ihre Sprachkompetenz trainieren und auf ansprechendem Niveau halten. Das ist einfacher als es klingt, denn gutes Deutsch ist ein jederzeit trainierbares Handwerk.

Genauleser werden jetzt schmunzeln, die Skeptiker unter ihnen womöglich die Augenbrauen heben: Von Sprachpräzision habe ich angefangen und daraus dann dreist gutes Deutsch gemacht. Darf ich das so einfach gleichsetzen? Nun, mir hilft meine jahrelange Erfahrung als Sprach- und Stiltrainer sowie aus meinem früheren Leben als Journalist ganz entschieden beim Coaching. Die Kriterien für gutes Deutsch decken sich aufs Überzeugendste mit jenen für ein gutes Coaching-Ziel; beim Zuhören bringt es mich weiter, wenn ich auch auf die Formulierung achte – weiß mein Coachee nicht recht wie ihm ist, oder weiß er es nur nicht recht zu sagen? In solch einem Fall erlebe ich oft Dankbarkeit für Formulierungsangebote, sofern sie behutsam und nur bei echtem Bedarf geäußert werden. Dann allerdings werden sie als Geschenk mitunter gern genommen. Genauso wertvoll ist es aber, wenn der Coachee das Formulierungsfeedback korrigiert: „So habe ich das nicht gemeint, ich meinte…“

Stumpf gleichsetzen darf ich gutes Deutsch und Sprachpräzision natürlich nicht, obwohl gutes Deutsch immer auch präzise ist. Wer sich allerdings um handwerklich gutes Deutsch bemüht, der wird darin immer auch eine Quelle finden für gute Coaching-Arbeit. Deshalb biete ich im Folgenden einen Abriss dessen, worauf Stillehrer und Sprachpäpste schwören.

Zu allererst muss gutes Deutsch verständlich sein! Was bringt’s, wenn die Botschaft nicht ankommt? Und verständlich bedeutet im Allgemeinen – allgemein verständlich: intuitiv, ohne Grübelei. Praktisch bedeutet das: kein Fachjargon (wichtig für Business-Coaches, die ja meist nicht vom Fach sind), kein Blabla, kein Puzzle aus Informationssteinchen zum selbst Zusammensuchen. Am besten versteht man selbst Kompliziertes, wenn es wohlgeordnet der Reihe nach präsentiert wird. Wer also klar reden und schreiben will, muss sich die Mühe machen, vorher klar zu denken.

Wenn sicher ist, dass die Botschaft verstanden wird, dann soll sie so kurz sein wie möglich. Gutes Deutsch ist also klar und kurz. Es reizt niemanden, lange lesen oder zuhören zu müssen. Beides schadet der Aufmerksamkeit. Hier darf Präzision nicht mit Detailtreue verwechselt werden. Der Empfänger muss das Nötigste zum Verständnis erfahren, er muss aber beileibe nicht in die Lage versetzt werden, die Relativitätstheorie nachzurechnen. „Für diesen Fachbegriff gibt’s keine allgemein verständliche Erklärung“ – das ist die Ausrede all jener, die die Anstrengung scheuen, sich genau zu überlegen, was der Angesprochene zum Verständnis wirklich wissen und womit man ihn verschonen muss. Jawohl, muss! Verständlichkeit und Kürze verlangen danach, verantwortungsvoll auf hinderliche Einzelheiten zu verzichten.

Deutsch ist außerdem nur gut, wenn es konkret ist. Hierzu ein Beispiel:

„Oberhalb der Laubzone sind weder Geräuschentwicklungen erkennbar, noch größere Luftbewegungen. Da die tagaktiven Waldvögel ihren Gesang bereits eingestellt haben, ist abzusehen, dass der Leser sich in Kürze ebenfalls zur Ruhe begeben wird.“

Den Stil kennt man doch, oder? Klanglich-ästhetisch werden wir auf diese Weise allenthalben berieselt. Und inhaltlich? Irgendwo schon mal gehört, diese Geschichte? Vielleicht ja so:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest Du auch.

Lassen wir uns einmal auf der Zunge zergehen, wie Goethe sich ausdrückt: Er sagt „Ruh“, statt „keine erkennbare Geräuschentwicklung“; er sagt „kaum einen Hauch“, statt „keine größeren Luftbewegungen“; er sagt „schweigen“, statt „den Gesang einstellen“; er sagt „balde“, statt „in Kürze“; er sagt „ruhen“, statt „sich zur Ruhe begeben“. 67 Silben hat der erste Text, 37 Silben braucht Goethe. Sein Gedicht ist klar, kurz und konkret, der Text darüber ist schwer verständlich, lang und ein trostloses Sammelsurium von Oberbegriffen. Freunde einer anschaulichen Sprache verachten so etwas als Nominalstil.

Jetzt nur nicht gequält seufzen! Natürlich habe ich meine Botschaft zugespitzt, sie soll ja deutlich werden und kurzweilig bleiben. Und selbstverständlich ist sie kein Plädoyer dafür, in Reimen zu coachen. Auf dem Weg zu einem konkreten Ziel ist eine konkrete Sprache aber gewiss hilfreich.

Bislang haben wir Kriterien kennengelernt, die sich im Sinn, im Satz und in der Struktur des Gesagten zeigen. Zu gutem Deutsch gehören aber auch treffende Wörter. Das sind genau die richtigen Wörter für das, was man sagen will. Ist die Rede von einem Hund, einer Töle oder einem Köter? Riecht jemand oder duftet sie? Ist der Coachee irritiert, genervt, gereizt, sauer, stinksauer, wütend oder außer sich? Solche Wortfolgen helfen mir zuweilen mehr beim Coachen als die Skalenfrage. Sicher, ich könnte einen aufgebrachten Klienten fragen: „Wo stehen Sie auf einer Skala von null gleich ‚völlig entspannt‘ und zehn gleich ‚wütender geht es nicht‘.“ Bei einem Coachee mit Sprachhürde, etwa einem Nicht-Deutschen, würde ich das auch erst einmal tun. Aber fürs Coaching ergeben sich in meiner Welt griffigere Anhaltspunkte, wenn ich etwa folgendermaßen nachlegen kann: „Was müsste passieren, damit Sie nicht mehr stinksauer sind, sondern nur noch gereizt?“ anstelle von „Was müsste passieren, damit Ihr Wutkoeffizient von 70 auf 40 Prozent fällt?“ Wörter scheinen mir näher an den Gefühlen zu sitzen als Prozente. Treffende Wörter treffen Gefühle. Und Deutsch fühlt sich mit treffenden Wörtern wesentlich besser an.

Drei weitere Kriterien seien hier rasch zusammengerafft, denn sie erklären sich beinah von selbst: Gutes Deutsch steht im Aktiv, ist positiv gefasst (meidet also Verneinungen) und – banal aber unverzichtbar – es ist grammatisch richtig.

Hiermit haben wir das meiste beisammen, was sowohl Deutsch als auch ein Coaching-Ziel gut macht: Deutsch sei verständlich, kurz, treffend, konkret, aktiv, positiv, richtig – ein Coaching-Ziel sei spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Wenn ich diese dem Merkwort smart geschuldete Sammlung in gutes Deutsch übersetze, stehen da: klar und konkret, leicht verständlich (die finale Messgröße für gutes Deutsch), aktiv (selbst erreichbar, also realistisch), so kurz wie möglich (also zeitverantwortlich oder terminiert).

Fehlt attraktiv, finden Sie? Stimmt, in die Kriteriensammlung habe ich es nicht hineingefriemelt. Für mich ist gutes Deutsch unbedingt attraktiv. Und wer einmal erlebt hat, wie wirksam ein wirklich guter Text oder eine wirklich gute Rede ist, der wird das nicht bestreiten.

Volker Bormann ist Gründer und Inhaber des Kommunikationskontors Hamburg. Davor war er lange Jahre Journalist, zuletzt bei der Financial Times Deutschland. Schon dabei hat er nebenberuflich immer als Schreib-, Interview- und Stiltrainer gearbeitet und vor allem Journalisten, Unternehmer und PR-Fachleute geschult. 2013 bildete er sich zum Business-Coach fort, erwarb das dvct-Zertifkat und machte sich selbstständig. Bei seiner Arbeit profitiert er außerdem von seinem Diplom als Mikrobiologe und seiner exzellenten Redakteursausbildung bei der Hamburger Journalistenschule. www.kommunikationskontor-hamburg.de