Fachbeiträge

Lautstark kann auch leise sein

Ein Fachbeitrag von Dr. Monika Hein

Wann haben Sie sich zum letzten Mal Gedanken darüber gemacht, wie Sie sprechen? Ist Ihnen mal etwas daran aufgefallen? Haben Sie Lieblingslaute?

Mein Lieblingslaut ist das W. Es vibriert an den Lippen, schafft Resonanz, summt und säuselt. Und es macht deutlich, was mir wichtig ist. Wirklich wichtig.

Sprachlaute sind unsere täglichen Begleiter, doch sie sind heutzutage bestenfalls Mitläufer. Wir benutzen sie, ignorieren sie, verschleifen sie – dabei stellen sie uns ihr ganzes Repertoire an Wirkkraft zur Verfügung. Und wir nehmen sie kaum wahr, geben ihnen wenig Raum.

Dabei können Laute sehr viel. Laute machen Inhalte stark. Laute verdeutlichen Anliegen. Laute schaffen Kontakt. Die Lautbildung ist das Filetstück des Sprechens, denn hier bündeln sich Atem, Stimme, Aktivität, Körperspannung, Kontaktwille, Sinnlichkeit, Genuss. All das steckt in Lauten.
Und doch denken viele Menschen: „Aussprache? Das ist doch was für Schauspieler. Für die Bühne“. Ist es auch. Aber eben nicht nur für die. Es gibt noch viele weitere Sprechberufe, in denen das gesprochene Wort eine entscheidende Rolle spielt. Ihrer auch?
Es mutet erst einmal seltsam an, wenn wir uns mit unserem Mundwerk beschäftigen. In Trainings ist es immer wieder für alle Beteiligten sehr erheiternd, Menschen an diese Arbeit heranzuführen.
Der Mundraum ist von Geburt an ein zentraler Ort unserer Wahrnehmung. Ein erster Reflex ist der Saugreflex, so Piaget. Für das Saugen brauchen wir unser Mundwerk. Und beim Saugen ist das ganze Kind aktiv. Wer Kinder hat, weiß das.

Wie entsteht überhaupt ein Laut? Zunächst mal brauchen wir natürlich den Atem. Wir atmen beim Sprechen aus. Bei stimmhaften Lauten werden die Stimmlippen in Bewegung versetzt und erzeugen Stimmklang. Im Mundraum nun die alles entscheidende Formung: Wird es ein Vokal oder ein Konsonant? Bleibt der Mund- und Rachenraum frei und offen, formt die Zunge einen Vokal, assistieren die Lippen? Oder stellen Zunge, Kiefer und Lippen Hindernisse für die Atemluft her, sodass Geräusche entstehen, kleine Explosionen, Zischen, Summen? All das geht im Sprechvorgang so schnell, unser Mundwerk ist da ein wahres Wunderwerk. Wir müssen nicht mehr darüber nachdenken, wir können seit langer Zeit sprechen. Wir denken erst über unsere Aussprache nach, wenn sie uns in einer Präsentation verlässt. Wenn sie Probleme macht oder fehlerhafte Laute erzeugt. Wenn die Stimme bricht oder angestrengt ist. Dann denken wir doch einmal darüber nach, gezwungenermaßen.

Gehen wir doch mal zurück in der Evolution. Die Mundwerkzeuge wurden zunächst mal zum Zerkleinern von Nahrung erfunden. Zähne, Kiefer, Zunge – die hatten einen klaren Auftrag: Futter zermalmen, ertasten, für gut oder schlecht befinden, schlucken. Das war ein klar definierter Auftrag, der mit der Verdauung  und einem Mittagsschlaf endete. Dieser Vorgang war lebenserhaltend, denn essen musste der Mensch schon immer.
Der Kehlkopf war erst einmal nur ein Ventil, welches uns vor dem Tod durch Einatmen von Nahrung bewahrte. Stimmerzeugung ist also auch kein primäres Anliegen der Natur, sondern eine nachgeordnete Funktion. Essen, zerkleinern, vorverdauen, Atemräume schützen. Die Richtung war also „in den Körper hinein“. Es entstand ein Eindruck der Welt, der Nahrung. Diesem Eindruck folgte nicht selten ein wohlwollendes Grunzen als Ausdruck dessen, dass es gemundet hat. So entstanden langsam, aber sicher die Sprachlaute.  Es dauerte lange, bis wir zu der heutigen Komplexität gefunden hatten.

Die Funktion der Mundwerkzeuge drehte sich quasi um. Auf den Eindruck folgte der Ausdruck, so ist es noch heute.
Wenn wir essen als sinnlichen Vorgang betrachten, ist auch das Bilden von Lauten ein sinnlicher Vorgang. Die Zunge ertastet Laute, die Lippen formen die Konturen, der Kiefer gibt Raum, auf dass der Stimmklang verstärkt wird.

Dieser Zusammenhang wirft natürlich Fragen auf. Wie gut sind wir heute in der Wahrnehmung von Lauten? Und wenn wir an das Thema „Essen“ denken, wie sinnlich ist unser Erleben?
Im übertragenen Sinne, wie nehmen wir Situationen wahr, wie nehmen wir sie auf, welchen Eindruck haben wir von der Welt. Und als Folge: Welchen Ausdruck verleihen wir den Dingen? In Zeiten von Internet und Co. nimmt die sinnliche Komponente der Kommunikation rapide ab.

In den Medien finden wir alle Facetten der Deutlichkeit – von Til Schweiger, der das Nuscheln zur Marke gemacht hat, über die bekannten Nachrichtensprecher, die hochdeutsch und makellos informieren, bis hin zum überdeutlichen, gestelzten Verkaufs-TV ist alles zu hören. Menschen nuscheln,  formen, flüstern. Sie kennen bestimmt auch einige Beispiele in Ihrem Umfeld.
Sprechen ist eine persönliche, sehr individuelle Sache. Über das Sprechen verdeutlichen wir unsere Ziele, Träume und Wünsche. Wir offenbaren unser Inneres, unsere Erfahrungen, unsere Kompetenzen

Ist es nicht entscheidend, dass wir in vielen Berufen auch unsere Aussprache nutzen, um unseren Eindruck von der Welt, von der Situation oder von einem Menschen zu verdeutlichen? Im Kontakt mit Menschen, als Trainer und Coaches, haben wir eine Verantwortung gegenüber unseren Coachees und Trainees. Es ist schön, wenn sie uns verstehen, wenn nicht sogar essenziell wichtig. Noch schöner ist es, wenn wir wohlgeformte Geschenke überreichen. Wir überreichen unsere Inhalte in Form von Sprache. Eine sinnliche, plastische Aussprache – und ich spreche hier nicht von „schön“, „deutlich“ oder „richtig“ – gestaltet den Kontakt auf eine positive Weise, wenn wir uns mit Lauten beschäftigt haben, sie erlebt haben und einsetzen können. Und wenn wir über Laute sprechen, so müssen diese ganz und gar nicht laut sein. Ein präzise gebildeter Laut kann sehr leise sein, gleichzeitig kann er sehr viel aussagen.

Das „W“ war nicht immer mein Lieblingslaut. Es ist in der ausführlichen Beschäftigung mit dem Laut dazu geworden. Und wenn es sich einmal in meinem Mundwerk breit gemacht hat, dann kommt es immer wieder, es erstrahlt sehr gerne. Natürlich gibt es noch viele weitere tolle Laute. Entdecken Sie sie und finden Sie Ihren Lieblingslaut!

Eine Schauspielschülerin sagte mir übrigens einst nach einem halben Jahr intensivster Beschäftigung mit der deutschen Phonetik, dass sie die Laute jetzt schmecken könne.
Finden Sie immernoch, dass die Arbeit an der Aussprache nur den Schauspielern vorbehalten ist? Oder möchten Sie auch Laute schmecken?
Auch wenn ich ein großer Fan der Bühnensprache bin, brauchen wir diese auf unserer täglichen Bühne des Lebens nicht, zugegeben. Wir können aber immer wieder neu entscheiden, wie wir Dinge benennen, wie wir Laute nutzen, um klar zu sprechen. Erfahrungsgemäß werden Menschen viel genauer in der Wortwahl, wenn sie an ihrer Aussprache arbeiten. Viele Erklärungen erübrigen sich, denn die Laute stellen klar, was wir ausdrücken wollen. Der Inhalt wird stärker. Wir nehmen uns selbst als ausdrucksstark wahr. Unser Gegenüber profitiert von unserer Klarheit.

Für den heutigen Tag, nehmen Sie sich doch immer mal vor, Ihre Zunge wahrzunehmen. Wo liegt sie, wie fühlt sie sich an? Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Mundraum und erkunden Sie diesen wichtigen Ort des Kontakts. Es lohnt sich.

Werden Sie Laut-stark.

Über die Autorin:
Ich bin Expertin für das klare Sprechen.
Sie sind eine Führungspersönlichkeit, sie sind daran gewöhnt, Vorträge zu halten. In brenzligen Situationen bleibt Ihnen aber die Luft weg.
Sie präsentieren oft und gern, verlieren jedoch häufig Ihren „Brustton der Überzeugung“.
Sie haben wichtige Inhalte zu vermitteln. Es fällt Ihnen aber schwer, diese Anliegen „auf den Punkt” zu bringen.
In meinem Training lernen Sie, den richtigen Ton zu treffen – in jeder Situation.
Zertifizierte Business Trainerin V.I.E.L Coaching und Training und dvct e.V.

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