Fachbeiträge

Nach der Ausbildung: Wie etabliere ich mich als Coach?

 

Ein Fachbeitrag von Huberta von La Chevallerie

 

Ein Plädoyer für mehr Persönlichkeit in der Coach-Rolle

Für den Neueinsteiger bildet der Coaching-Markt eine nicht zu unterschätzende Herausforderung: Wie positioniert sich der Coach in der Fülle der Angebote, wie wird er mit einem individuellen Profil sichtbar?

 Jährlich entlassen mehr als 300 Ausbildungsinstitute in Deutschland eine Kohorte frischgebackener Coaches in die Welt. Wer sich als selbständiger Coach, Trainer oder Berater etablieren möchte, sieht sich gerade in den Ballungszentren mit der stetig zunehmenden Coach-Dichte konfrontiert, zumal der Begriff nicht geschützt ist. „Wie etabliere ich mich auf dem Markt?“ ist daher zu einer so spannenden wie komplexen Frage geworden. Was in der Ausbildung als leuchtende Coaching-Zukunft vor Augen steht, entpuppt sich in den Niederungen der Praxis als oft mühevoller Weg, auf den der Absolvent kaum vorbereitet wurde.

 Die ersten Schritte scheinen noch überschaubar: Namens- und Logofindung, Anmietung geeigneter Örtlichkeiten und die eigene Homepage. Spätestens hier wird der Coach, Berater oder Trainer von der Frage nach seiner professionellen Identität eingeholt: Seine wirksame Profilierung ist der entscheidende Erfolgsfaktor, die eigene Persönlichkeit darin das größte Kapital.

Wer sich durch die Webseiten professioneller Coaching-Anbieter klickt, staunt dagegen über die Gleichförmigkeit der Angebote: „Potenziale entfalten“, „Veränderung bewirken“, „Kompetenzen als Führungskraft ausbauen“ – der vertraute, Kompetenz suggerierende Branchen-Jargon dominiert auch im medialen Auftritt. Die Zielgruppen mögen variieren, die Botschaft bleibt dieselbe: Der Coach macht sich dem Markt kompatibel. Hinter der professionellen Rolle verschwindet seine spezifische Persönlichkeit wie hinter einer Maske; eine gewisse Austauschbarkeit der Profile ist das Resultat. Und das, fürchtet man spontan, nicht nur auf der Webseite.

Der Klient, dem sein Thema auf der Seele brennt, sucht jedoch einen Coach, der seinen tiefen, oft kaum bewussten Bedürfnissen entspricht und fähig ist, auf seiner Frequenz zu senden. Er will wissen, wie der Coach denkt, arbeitet und aus welchem Hintergrund er schöpft. Je deutlicher sich die Person in der Rolle zeigt, desto eher findet der Klient in ihr ein greifbares Gegenüber. Was ihn anzieht und überzeugt, ist – Professionalität vorausgesetzt - Authentizität. Doch wie es scheint, überwiegt bei vielen Coaches und Beratern die Befürchtung, mit einem individualisierten Profil für den breiten Markt nicht attraktiv genug zu sein.

Natürlich wird der Coach in seinem Angebot thematische Schwerpunkte und Zielgruppen definieren, natürlich bilden erprobte Methoden und Tools das unverzichtbare und hoffentlich solide angeeignete Handwerkszeug. Doch wer mit Menschen arbeitet, ist auch und vor allem als Mensch gefordert. Die Persönlichkeit bildet das Treibmittel im Coachingprozess. Sie bietet auch die beste Grundlage für gutes Marketing, ist selbst aber kein Marketing-Produkt: Die Grundbedingung für den authentischen Auftritt ist vielmehr ein klares und stimmiges Selbstbild.

Das ist leicht gesagt, aber nicht leicht hergestellt, denn das stimmige Selbstkonzept formt sich nur in der ehrlichen und vertieften Selbstreflexion. Und die geht über Ausbildungen, Berufserfahrungen und Referenzen weit hinaus. Sie nimmt die persönlichen Stärken, die Biografie, die Lebenshaltung und -erfahrung, die tiefsten Motivationen des Coaches in den Blick. Was definiert er als seine Aufgabe im Leben, was unterscheidet ihn von anderen, was macht seine unverwechselbare Qualität als Coach aus? Und was kann, tut, will er nicht? Was, schließlich, sind seine ganz persönlichen Entwicklungsziele in der Coach-Rolle?

Stimmig ist ein Selbstbild nur, wenn es in Selbsterkenntnis – nicht Wunschdenken – wurzelt und sich im Verhalten widerspiegelt: in der Art zu sprechen, zu denken, die Aufmerksamkeit zu lenken, im Coaching zu agieren. Überdies stärkt Klarheit über den eigenen Arbeits-, Wirkungs- und Auftrittsstil die persönliche Souveränität und Sicherheit.

Selbstreflexion als Teil der beruflichen Qualifikation scheint im Coaching-Diskurs freilich immer noch Nebensache zu sein, ganz zu schweigen vom Nutzen einer ernsthaften Persönlichkeitsentwicklung. Dabei sollte doch, wer andere entwickeln will, sich auch selbst bewegen. Diese Vernachlässigung ist schade: sowohl für die Entwicklung menschlich reifer Coaches, wie für ihren individuellen Marktauftritt. Die einzigartige, reflektierte Lebens- und Lerngeschichte des Coaches bildet den Stoff für ein originäres Marketing, das sich von anderen absetzt. Das allerdings erfordert Arbeit und vor allem Mut: Den Mut, als individuelle und einmalige Persönlichkeit in der Coach-Rolle sichtbar zu werden.

Über die Autorin:
Huberta von La Chevallerie ist Systemischer Business Coach, Personal und AusdrucksCoach, Redakteurin, und Philosophin aus München.
Sie unterstützt Coaches mit ihrer Fortbildung „Mein Auftritt als Coach“ in der Schärfung ihres ganz individuellen Profils.
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