Fachbeiträge

Neues Lernen am Arbeitsplatz

Ein Fachbeitrag von Prof. Dr. Werner Sauter

Prof. Dr. Werner Sauter hat einen offenen Online-Kurs, der sich mit der Zukunft der Weiterbildung beschäftigt, durchgeführt. Es war ein Massive Open Online Course (MOOC), weil er möglichst viele Interessierte rund um die Themen zusammenbringen sollte, die sich mit Bildung und Lernen in Zukunft beschäftigen. Deshalb „Corporate Learning 2.0 MOOC“ oder kurz #CL20.

Der Corporate Learning 2.0 MOOC will zwei Dinge: Zum einen eine offene Plattform bieten, um sich über Unternehmensgrenzen hinweg über zukünftige Konzepte, Formen und Formate in der Weiterbildung auszutauschen. Und zum anderen aber selbst die Konzepte, Formen und Formate nutzen, die das Lernen 2.0 ausmachen – oder zumindest möglichst viele dieser Möglichkeiten. Denn ohne Personalentwickler und Bildungsexperten, die die neuen Möglichkeiten des Lernens kennen und einschätzen können, wird es keinen Wandel geben. Oder es gibt ihn ohne sie. Ziele des #CL20 sind:

  • Wie lernen wir künftig in Organisationen? Diese Frage über Unternehmensgrenzen hinweg bearbeiten
  • Die Netzwerkbildung der Corporate Learning Professionals unterstützen
  • Innovationen im Corporate Learning beschleunigen
  • Die Corporate Learning Professionals selber in einen ungewöhnlichen Lernprozess einbinden, als Anregung für die Entwicklung eigener neuer Lern-Dienstleistungen

Im Rahmen des Corporate Learning 2.0 MOOC hat eine Umfrage u.a. folgendes irritierendes Ergebnis erbracht:

  • In über 80 % der Unternehmen wandeln sich die Strukturen und Prozesse, insbesondere aufgrund technologischer Entwicklungen, immer schneller.
  • Gerade mal 9 % der Unternehmen haben die notwendigen Veränderungsprozesse in der betrieblichen Bildung häufig oder voll umgesetzt.
  • Lediglich in 9 % der Unternehmen haben die Bildungsexperten ihre Kompetenz für die Planung, Umsetzung, Implementierung und Begleitung innovativer Lernkonzeptionen aufgebaut.

Der größte Teil der heutigen Bildungsabteilungen, aber auch der Bildungsanbieter, verschläft die notwendigen Entwicklungen. Dies eröffnet ein neues, attraktives Geschäftsfeld für Bildungsberater, die in der Lage sind, die Entwicklung und Umsetzung innovativer Lernsysteme zu begleiten.

Bedarfsgerechte Lernarrangements für das Social Business
Social Media und soziale Praktiken werden immer stärker in die laufenden Aktivitäten der Unternehmen integriert. Dieses "Social Business" erfordert kollaborative Unternehmen, in denen Arbeiten und Lernen wieder zusammen wachsen. In diesen Organisationen lösen die Mitarbeiter und Führungskräfte gemeinsam im Arbeitsprozess und im Netz ihre Herausforderungen in der Praxis und tauschen kontinuierlich ihr Erfahrungswissen in Communities of Practice aus. Es wird nicht mehr dann auf Vorrat gelernt, wenn ein Seminar oder eine E-Learning Maßnahme angeboten wird, sondern wenn Herausforderungen im Prozess der Arbeit zu bewältigen sind.

Diese zukünftigen Lernarrangements werden deshalb vor allem durch folgende Merkmale gekennzeichnet: (Sauter, S.; Sauter, W. (2014)

Kriterium

Lernen bisher

Lernen zukünftig

Ziele

Zentral vorgegebene Wissens- und   Qualifikationsziele (Curricula)

Individuelle Kompetenzziele in Absprache mit der Führungskraft, teilweise Curricula

Inhalte

Formell: „Gesichertes“ Expertenwissen, überwiegend statisch

Formell und informell: „Gesichertes“  Expertenwissen und dynamisches Erfahrungswissen aller Mitarbeiter

Lernorte

Seminare, teilweise im Learning Management System

Am Arbeitsplatz, in Workshops, im Netz über die Soziale Lernplattform

Methodik

Lehre, kooperative Übungen (Aufgaben, Fallstudien, Planspiele, Simulationen…), teilweise E-Learning und Blended Learning

Kollaboratives Arbeiten und Lernen am Arbeitsplatz und im Netz (Social Workplace Learning) sowie in Paxisprojekten (Social Blended Learning). Selbstgesteuerter  Wissensaufbau sowie Qualifizierung mit E-Learning und in Blended Learning Arrangements innerhalb des Ermöglichungsrahmens

„Roter Faden“ der Lernprozesse

Überwiegend Curricula, die mit Hilfe von Trainern oder E-Learning bearbeitet werden

Herausforderungen in Praxisprojekten oder am Arbeitsplatz, die selbstorganisiert durch die Mitarbeiter bearbeitet werden

Medien

Seminar-Medien, Printmedien, wisssensorientierte Web Based Trainings, Lernvideos, Learning Community (Foren, Chat, Webinar…)

Workshop-Medien, problemorientierte Web Based Trainings, Lernvideos, Social Media, Community of Practice (Blog, Wiki, Etherpad….)

Lernen mit Lernpartnern

Kooperativ im Rahmen von Übungen, Lerntandems

Kooperativ und kollaborativ beim Lösen realer Praxisprobleme, Co-Coaching, Kollegiale Beratung

Rollen der Lernprozess-begleiter

Lehrer, Trainer, Moderator, Ausbilder und E-Tutor

Moderator, E-Coach und E-Mentor

Lernerfolg

Test, Präsentation, mündliche Prüfung

Praxiserfolg (Performanz), Projektlösungen, Kompetenzmessungen

Lernprozess

Überwiegend fremdorganisiert mit integrierten selbstgesteuerten Lernphasen

Selbstorganisiert, teilweise selbstgesteuert


Bedarfsgerechte Lernarrangements

Zukunftsorientierte Lernkonzepte haben das Ziel, die Handlungssicherheit der Mitarbeiter nachhaltig zu steigern. Dies erfordert eine Abkehr von der bisherigen „Belehrungsdidaktik“ zur „Ermöglichungsdidaktik“. (vgl. Arnold, R. (2013)) Ermöglichungsdidaktik hat zum Ziel, den Lernenden alles an die Hand zu geben, damit sie ihre Lernprozesse problemorientiert und selbstorganisiert gestalten können.
Die Lernsituation wird dabei nicht vom Inhalt, sondern aus dem Fokus des Lernenden als Lernrahmen gestaltet werden. (vgl. Erpenbeck, J.; Sauter, W.; Sauter, S (2015 a) und b))
Der Ermöglichungsrahmen ist ein planvoll hergestelltes Lernarrangement, das didaktische, methodische, materielle und mediale Aspekte so anordnet, dass die Wahrscheinlichkeit für die angestrebten Lernprozesse möglichst hoch wird. (vgl. Sauter, S.; Sauter, W. (2014))

Für die verschiedenen Zielebenen des Corporate Learning bieten sich folgende Lernarrangements an:

  • Wissensaufbau mit E-Learning Arrangements: Alle Formen des Lernens, bei denen digitale Medien für die interaktive Bereitstellung und Bearbeitung von Lernmaterialien zur Verfügung stehen. Damit wird selbstgesteuertes und kooperatives sowie orts- und zeitunabhängiges Lernen ermöglicht.
  • Qualifizierung mit Blended Learning Arrangements: Die didaktisch sinnvolle Verknüpfung von Präsenzveranstaltungen und E-Learning zu einem Lernarrangement. Die Lernenden werden durch einen Lernbegleiter (E-Tutor und Moderator) unterstützt.
  • Kompetenzentwicklung mit Social Blended Learning Arrangements: Blended Learning in Verbindung mit einem herausfordernden Praxisprojekt unter Einbindung von Social Software, welche informelles, selbstorganisiertes und vernetztes Lernen ermöglicht.
  • Hat sich die Lernkultur der Selbstorganisation und des Social Learning durchgesetzt, kann das Lernsystem in Richtung eines Social Workplace Learning Modells geöffnet werden. Die Mitarbeiter definieren ihre Kompetenzziele und Lernprozesse in Abstimmung mit der Führungskraft und ihrem Lernbegleiter eigenverantwortlich. Der Ermöglichungsrahmen wird genutzt, wenn der Mitarbeiter eine Herausforderung in der Praxis zu bewältigen hat.

Die größten Herausforderungen sehen wir in folgenden Bereichen:

  • Veränderung der Denk- und Handlungsweisen aller Mitarbeiter, der Führungskräfte und der Learning Professionals
  • Kompetenzentwicklung der Learning Professionals. Dafür hat sich unser „Doppel-Decker“-Ansatz in hohem Maße bewährt. Die heutigen Trainer und Bildungsplaner erfahren innovative Lernsysteme als Lerner und nutzen ihr neues Erfahrungswissen, um eigene Lernlösungen im engen Austausch mit Lernpartnern und einem professionellen Lernbegleiter zu entwickeln.
  • Entwicklung des Lernrahmens für Bedarfe, die wir heute kaum oder gar nicht kennen

Dabei müssen langjährig erworbene Handlungsroutinen verändert werden. Dies erfordert Zeit. Deshalb ist es wichtig, dass diese Veränderungsprozesse jetzt konsequent initiiert und begleitet werden. Damit ergibt sich ein neues, attraktives Geschäftsfeld für kompetente Berater.

Literatur
Arnold, R. (2013): Ermöglichen. Texte zur Kompetenzreifung. Hohengehren
Erpenbeck, J.; Sauter, S.; Sauter, W. (2015 a): E-Learning und Blended Learning. Selbstgesteuerte Lernprozesse zum Wissensaufbau und zur Qualifizierung. Heidelberg, Berlin
Erpenbeck, J.; Sauter, S.; Sauter, W. (2015 b): Social Workplace Learning. Kompetenzentwicklung im Arbeitsprozess und im Netz. Heidelberg, Berlin
Sauter, S.; Sauter, W. (2014): Workplace Learning. Integrierte Kompetenzentwicklung mit kooperativen und kollaborativen Lernsystemen, Heidelberg, Berlin

Prof. Dr. Werner Sauter ist Wissenschaftlicher Leiter der Blended Solutions GmbH Berlin. Das Projekt Next Education hat er von der Bedarfserhebung und Analyse bis zur Umsetzung der Prototypen begleitet.

http://www.blended-solutions.de/