Fachbeiträge

Selbstmanagement von Auszubildenden

 

Ein Interview mit Dr. Joachim Galuska

 

Dr. Joachim Galuska, Gründer und Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen und Christine Seeger, Geschäftsführerin von Seger Transporte aus Münnerstadt haben im Jahr 2012 gemeinsam das unternehmensübergreifende Projekt „Selbstmanagement für Auszubildende“ ins Leben gerufen. In diesem Projekt soll junge Menschen durch Erlernen der Techniken von Selbstmanagement und Selbstführung der Einstieg ins Berufsleben erleichtert werden. Für das Projekt, an dem weitere Unternehmen aus der Region teilnehmen, wurden die Initiatoren Dr. Joachim Galuska und Christine Seger 2014 mit dem Innovationspreis des Bildungspreises Deutschland ausgezeichnet. Dieser Preis wird unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von der TÜV Süd Akademie und EuPD Research Sustainable Management vergeben. Was das Besondere an diesem Projekt ist und warum es eine Herzensangelegenheit von Dr. Joachim Galuska ist, hat er der Pressesprecherin der Heiligenfeld Kliniken, Kathrin Schmitt, in einem Interview verraten.

Warum wurde das Azubiprojekt Selbstmanagement ins Leben gerufen?
Der ursprüngliche Grund war, dass wir ein werteorientiertes Netz von Unternehmern bilden wollten. Wir haben uns überlegt, mit welchen Unternehmern wir uns in der Region gerne zusammen tun würden, die nicht nur wirtschaftliche Werte in den Vordergrund stellen, sondern auch soziale, ökologische, humanistische oder spirituelle Werte. Dann haben wir überlegt, dass es wahrscheinlich keinen Sinn macht, nur ein Netz zu gründen, sondern dass wir ein Projekt brauchen, für das wir dann Unternehmen suchen, die auch ein entsprechendes Anliegen haben. So ist im Gespräch zwischen Christine Seger und mir die Idee aufgekommen, ein Selbstmanagement-Projekt für Auszubildende zu entwickeln.

Ein zweiter Grund ist, dass ich mich auch mit dem Thema der psychosozialen Belastung der Bevölkerung seit vielen Jahren beschäftige. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist, dass wir allein durch medizinische Versorgung die zunehmende psychosoziale Belastung der Bevölkerung nicht in den Griff bekommen können. Wir brauchen mehr Gesundheitskompetenz. Wir brauchen mehr Kompetenz sich selbst zu führen, Beziehungen zu gestalten, mit der eigenen Gesundheit gut umzugehen und wir brauchen Wissen darüber.. Und damit sollte man relativ früh beginnen. Am besten schon im Kindergarten oder der Schule, und nicht erst wenn wir bereits im Berufsleben stehen. Am besten wäre es, wenn man in der Schule so etwas wie ein Schulfach Gesundheit hätte. Da wir aber als Unternehmen nur Anregungen ins Bildungssystem geben können, ist uns aufgefallen, dass wir selbst junge Menschen im Unternehmen haben, nämlich unsere Auszubildenden. Das sind bei uns z. B. zehn Prozent der Mitarbeiter. Mit ihnen können  wir im Rahmen der Ausbildung die Gesundheitskompetenzen schulen. Also setzen wir auch an dieser Stelle an, wo wir als Unternehmer unmittelbar wirken können.

Aus diesen beiden Motivationen heraus ist dann dieses Projekt entstanden.

Was sind die zentralen Themen des Projektes?
Unser Konzept bezieht sich auf die gesamte Ausbildung und enthält Themen wie Selbstvertrauen, Kommunikation, Umgang mit Geld und neuen Medien, Selbstmanagement und Selbstführung. Das sind Basiskompetenzen, die eigentlich jeder Mensch lernen sollte. Und da wir als Klinik diese Kompetenzen sowieso an unsere Mitarbeiter und Patienten vermitteln, haben wir die fachliche Kompetenz, um ein entsprechendes Curriculum zu entwickeln. Das Wissen haben wir in das Projekt eingebracht und im Anschluss nach Unternehmen gesucht, denen ihre Auszubildenden und Mitarbeiter auch am Herzen liegen. Wir fragten sie, ob sie mitmachen wollen.

Welche Unternehmen können am Selbstmanagement-Projekt teilnehmen?
Jedes Unternehmen aus unserer Region. Schön ist, das das Konzept so aufgebaut ist, dass es für alle Ausbildungsberufe und alle Branchen geeignet ist. Wichtig ist aber, dass alle Auszubildenden eines Jahrgangs mitmachen. Es sollte nicht freiwillig sein, da man sonst keine Konstanz und auch keinen nachhaltigen, langfristigen Effekt hätte. Außerdem sollten es immer zwei Auszubildende eines Jahrgangs sein, weil immer Mal einer fehlt und so die Inhalte gegenseitig vermittelt werden können. Die Berufsschule hat uns zugesichert, die Auszubildenden von der Berufsschule befreit werden, wenn an Nachmittagen, an denen die Module stattfinden, eigentliche Schule wäre.

Welche Vorteile sehen Sie darin, dass das Projekt unternehmensübergreifend ist und nicht nur spezifisch für Heiligenfeld gilt?
Die Auszubildenden haben die Gelegenheit in andere Betriebe hinein zu schauen und bekommen einen Einblick, wie die Gesellschaft ist, wie andere Unternehmen funktionieren und womit sich andere Auszubildende beschäftigen. Ich sehe außerdem einen Vorteil darin, dass die Auszubildenden eines Unternehmens den anderen etwas von ihrem Betrieb zeigen können und so auch einen gewissen Stolz auf ihr eigenes Unternehmen entwickeln. Es ist also auch für ihren Selbstwert und die Identifizierung der Auszubildenden mit ihrem Betrieb wichtig. Die Module finden deshalb auch an unterschiedlichen Plätzen statt, um diesen Austausch zu gewährleisten. Oft ist es so, dass Auszubildende eines bestimmten Berufes eine Subkultur bilden. So sind Köche anders als Gesundheitskaufleute oder Sparkassenwirte. In der eigenen Berufsgruppe hat man oft blinde Flecken und sieht manche Dinge nicht. Aber wenn jemand anderes dazu kommt, bekommt man ganz neue Anregungen. Dieses Offene und Übergreifende erweitert den Horizont der Auszubildenden.

Was sind die Herausforderungen, die in Zukunft auf die Unternehmer, aber auch auf die jungen Leute, zukommen?
Diese gibt es bereits jetzt schon. In der Arbeitswelt herrschen eine immer höhere Komplexität, eine immer höhere Informationsdichte, eine Beschleunigung und eine höhere Vielfältigkeit. Daraus entwickelt sich auch eine höhere Herausforderung mit all den Impulsen und all den Veränderungen umgehen zu können. Das erfordert vom Einzelnen sehr viel mehr Selbststeuerung und Selbstregulation, als das früher der Fall war. Damals kamen Veränderungen noch viel langsamer und die Ordnungssysteme waren viel stabiler.

Eine zweite Veränderung ist die Reduktion der sozialen Bindungen und die größere Freiheit sich in Beziehungen zu bewegen. Damit einher geht auch der Verlust der sozialen Kontrolle und Regulation durch die Familie sowie durch die Nachbarschaft. Das heißt, wenn Menschen ihren Arbeitsplatz und Wohnort öfter wechseln, dann sind die Bindungen und Beziehungen viel oberflächlicher. Was wir brauchen, ist die Fähigkeit Bindungen und Beziehungen einzugehen. Das brauchen wir auch in der Arbeitswelt, weil die Zukunft der Arbeitswelt sehr viel mehr durch Kooperation bestimmt wird, als durch die Leistung eines Einzelnen. Der Beitrag, den ein Einzelner mit in ein Team bringt, wird immer wichtiger für Unternehmen um wettbewerbsfähig zu sein. Darum muss auch so etwas wie Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Beziehungsfähigkeit, Dialogfähigkeit entwickelt werden. Junge Leute entwickeln dies oft nicht natürlicherweise, sondern sie bewegen sich in eigenen Subkulturen und haben wenig Orientierung, weil sie sich auch durch die modernen Medien von den traditionellen Kommunikationsformen lösen und keine guten Vorbilder mehr haben. Wie redet man gut miteinander und wie hört man zu? Das wird weniger geübt, weil man viel mehr über Medien kommuniziert. Dort redet man anders. Aber wenn man in einem Betrieb zusammen ist, dann muss man kooperieren und kommunizieren. Das muss man lernen. Das braucht die Gesellschaft viel mehr als einen Einzelkämpfer.

Was bedeutet die Auszeichnung des Projekts mit dem deutschen Bildungspreis für Sie?
Das war eine Bestätigung für uns, da gesehen wurde, dass ein solches Projekt wichtig ist. Es setzt an den Basiskompetenzen an und nicht nur an den Fachkompetenzen. Die Ausbildung und die Weiterbildung in den Unternehmen sind meist primär fachlich orientiert. Es geht darum, welche funktionellen, weiteren Kompetenzen entwickeln die Auszubildenden. Aber die Basiskompetenzen wie "wie gehe ich mit mir um?", "wie gehe ich mit anderen um?", "wie reguliere ich mich?", "wie halte ich mich stabil?", "wie sorge ich dafür, dass ich eine positive Grundstimmung und positive Gestaltungsfähigkeit in meine Arbeit einbringe?" werden normalerweise nicht gelehrt. Ich empfinde es als eine Bestätigung dafür, dass von der Jury erkannt wurde, dass wir solche Inhalte auch in unser Ausbildungssystem einführen müssen.

Ist das Projekt auch überregional übertragbar?
Das Projekt ist unternehmensübergreifend. Wir haben jetzt eine Gruppengröße von 40 Auszubildenden. Das ist schon fast die Teilnehmergrenze, weil die räumlichen Bedingungen schwierig, aber auch die persönlichen Kontakte bei einer größeren Gruppe in den Hintergrund treten würden. Ich würde sagen, maximal fünfzig junge Menschen können teilnehmen. Wenn ein großes Unternehmen aber sehr viele Auszubildende hat und daran teilnehmen will, weil es möchte, dass seine Auszubildende auch in Selbstmanagement geschult werden , dann würden wir empfehlen, das Projekt intern in den Ausbildungsplan zu nehmen. Das Konzept ist beliebig übertragbar. Wenn man dies intern durchführt, könnte man die Module auch etwas modifizieren und an das Unternehmen anpassen. Die einzelnen Themen lassen sich auf die Interessenslage des jeweiligen Unternehmens zuschneiden.

Ich glaube, dass der Charme dieses Projekts auch darin liegt, dass es sich an junge Menschen wendet, die gerade aus der Schule kommen und ins Berufsleben eintreten. Bei ihnen findet man eine große Lernbereitschaft und auch eine Entwickelbarkeit.
Etwas für die jungen Leute zu tun, damit sie einen guten Start ins Berufsleben bekommen, ist ein guter Ansatz.