Fachbeiträge

E-Learning & Co: Vergänglicher Hype oder die Zukunft des Trainings und Coachings?

Ein Fachbeitrag von Sandra Mareike Lang und Franz Hütter

Der dvct Mehrwerttag am 22. und 23. Juni 2017 stand unter dem Motto "E-Learning & Co - fit für neue Lernwelten"[1]. Er hat – mangels Anmeldungen – nicht stattgefunden. Das kann viele Gründe haben. Ein möglicher Grund könnte sein, dass E-Learning derzeit nur für eine Minderheit von Trainern und Coachs von hoher Relevanz ist. Diesen Schluss legen zumindest die Ergebnisse der dvct Mitgliederbefragung[2] aus dem Jahr 2016 nahe. Diese konstatiert zwar eine zunehmende Anpassung des Angebots an die wachsende Nachfrage nach e-Coaching und e-Learning, zeigt jedoch auch deutliche Vorbehalte auf. Dies hat sich in der Befragung von 2017 nicht wesentlich verändert. Während zeitliche und örtliche Flexibilität durchaus als Vorteile der digitalen Medien wahrgenommen werden, geben 87 % der Befragten mangelnden persönlichen Kontakt und 61 % die unzureichende Möglichkeit, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, als wesentliche Nachteile an.

Diese Vorbehalte wiegen schwer, gehören doch der Beziehungsaufbau und die Anknüpfung an individuelle Bedürfnisse zu den Kardinalkriterien für die wirksame Gestaltung von Lern- und Veränderungsprozessen. Dies bestätigt die psychologische Wirksamkeitsforschung (Grawe 2004)[3], die Neurodidaktik (Bauer 2009)[4], vor allem aber die Praxiserfahrung all jener, die langjährig als Trainer und Coaches tätig sind. Wären die Einwände vollumfänglich zutreffend, so taugten die neuen Medien zu wenig mehr als zur vorbereitenden Teilnehmerbefragung, zur Auslagerung von zeitintensiver Wissensvermittlung aus Präsenzterminen, zur Erläuterung persönlichkeitsdiagnostischer Testergebnisse oder eben für das gelegentliche e-Coaching, wenn eine face to face Begegnung partout nicht organisierbar ist. Da mag ein Online-Schwimmkurs noch so viel Flexibilität versprechen, es fehlt eben das Wesentliche, nämlich das Wasser und die Möglichkeit, in der Lernsituation zielführende Schwimmbewegungen auszuführen.

Wir könnten es dabei bewenden lassen und den ganzen e-Hype milde weglächeln. Schließlich verfügen die meisten von uns – laut Befragung – über mehr als 16 Jahre Berufserfahrung und wissen wie der Hase läuft, oder? Mehr noch als der zunehmende Druck des Marktes, auf dem wir unser Geld verdienen, mehr noch als die unangenehme Erkenntnis, nun selbst in den Strudel der „Das haben wir schon immer so gemacht“-Logik zu geraten, hat uns persönlich ein anderes Motiv bewogen, uns trotz aller Vorbehalte intensiver mit dem e-Learning und e-Coaching zu beschäftigen: die Anschlussfähigkeit an die emotional bedeutsame Lebens- und Arbeitswelt unserer Klienten und Seminarteilnehmer zu bewahren. Denn diese befinden sich schon heute mehrheitlich im Sog von Digitalisierungsprozessen, Tendenz steigend. In zunehmendem Maße wird ihr Alltag – mit oder ohne uns – von digitaler Kommunikation bestimmt. Dass die Begleitung von Lern- und Veränderungsprozessen hiervon eine dauerhafte Ausnahme bilden wird, scheint uns illusorisch. Ist es dann nicht besser, die neuen Kanäle mit unserer Kompetenz zu besetzen, als das Feld für Text-Makro-Coaching per Chat und betreutes Vorlesen von PowerPoint-Präsentationen zu räumen?

Die technischen Voraussetzungen dafür, auch im e-Coaching und e-Training Kontakt und Individualität zu gestalten, haben sich in den letzten Jahren auf jeden Fall deutlich verbessert. Webinarsysteme wie edudip[5] bieten für seminarübliche Teilnehmerzahlen von 8-18 Personen eine technisch gut handhabbare Möglichkeit, dass alle Trainer und Teilnehmer das Video aller anderen in Echtzeit sehen und dass sich jeder ohne Vorankündigung spontan zu Wort melden kann. Bei größeren Gruppen empfiehlt sich dann die individuelle Freischaltung des jeweiligen Teilnehmer-Sounds auf ein digitales Handzeichen hin. Die Software zoom Meetings[6], die sich nach unserem Dafürhalten derzeit noch besser für Coaching, Teamcoaching und digitale Workshops eignet, ermöglicht zudem die Einrichtung beliebig vieler breakout sessions. Dabei handelt es sich um virtuelle Gruppenräume, in denen Teilnehmer Übungen durchführen oder Ergebnisse erarbeiten, die sodann im digitalen Plenum präsentiert und diskutiert werden können. Wie im realen Seminarhaus können die Trainer von den Teilnehmenden in die Übungsräume gerufen werden.

Damit hat sich die Technik der physischen Seminarraumerfahrung zumindest schon ein Stück weit angenähert. Zudem gibt es bereits vielfältige Möglichkeiten, die Teilnehmenden zu aktivieren. Neben der gemeinsamen Erarbeitung eines Themas an dem digitalen Whiteboard oder der Möglichkeit, dass Teilnehmer die Trainerpräsentation mit eigenen Text- oder Bildkommentaren ergänzen, bieten die in fast allen Systemen verfügbaren Polls (Abstimmungen) die Chance, Teilnehmer abzuholen und zu aktivieren. Dabei können etwa die Erfahrungen mit einem Thema, die Zufriedenheit mit dem Management oder das Feedback zum bisherigen Verlauf des Seminars abgefragt und grafisch ansprechend präsentiert werden - falls gewünscht und vereinbart, auch in management-kompatiblem Layout für die Auftraggeber.

Gerade was das Thema Kontakt anbelangt, sind die übermittelten Videodaten dennoch noch längst nicht so informationsreich wie der reale Kontakt von Angesicht zu Angesicht. Briefmarkengroße, nebeneinander aufgereihte Gesichter-Videos verbergen einen großen Teil der Körpersprache, zum Beispiel die zappelnden Füße oder geballten Fäuste eines verbal und mimisch gut kontrollierten Teilnehmers. Insbesondere der Umstand, dass körperliche Erfahrungen wie das gemeinsame Abschreiten einer Zeitlinie, das Arbeiten mit Bodenankern, das Modellieren einer Change-Skulptur oder gar der klassische blind walk digital nur äußerst eingeschränkt gestaltbar sind, wiegt in Sachen Veränderungswirksamkeit schwer. Vom digitalen trust fall, bei dem sich Teilnehmer vor der Webcam rücklings vom Schreibtisch stürzen, raten wir jedenfalls aus versicherungstechnischen Gründen gänzlich ab. Tiefgreifende, musterverändernde Lernerfahrungen bedürfen einer erheblichen emotionalen Aktivierung, um im Gehirn ein neuroplastisch wirksames biochemisches Milieu herzustellen. Emotionales Erleben wiederum ist hochgradig verkörpert und involviert die Netzwerke des somatischen und autonomen Nervensystems. Dieses Embodiment (Storch 2011)[7] von Lernerfahrungen wird durch die Möglichkeit zum gemeinsamen körperlichen Agieren deutlich befördert. Deshalb wird es bei allem technischen Fortschritt immer gute Argumente für die reale Begegnung von Menschen zum Zwecke des gemeinsamen Wachsens geben.

So stellt sich vornehmlich die Frage, auf welche Weise sich die digitalen und die analogen Lernformen ergänzen können. Eine große Chance von e-Learning und auch e-Coaching besteht darin, dass sie aufgrund der entfallenden Anreisezeiten, Anreisekosten, Hotelkosten etc. häufiger stattfinden können als Präsenztermine. Lernerfahrungen in der persönlichen Begegnung mögen zwar unvergleichlich intensiver gestaltbar sein, sie sind jedoch meist nur von kurzer Dauer und finden in Inselumgebungen statt, die von der realen Arbeitswelt isoliert sind. Drei Viertel der 2016 und 2017 befragten Kolleginnen und Kollegen geben die durchschnittliche Trainingsdauer mit ein bis zwei Tagen an. Bedenkt man, dass die Neubildung und Umorganisation neuronaler Verknüpfungen die biologische Ermöglichungs-bedingung für den Erwerb neuer Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensmuster darstellt und dass diese durch emotional intensive, aber auch kontinuierliche Erfahrungen induziert wird, so schwimmt ein zweitägiges musterbrechendes Erlebnis sehr verloren in einem Meer konkurrierender Erfahrungen.

Wie wenig richtet da die Transfersicherung im Seminar gegen den Alltagstrott aus, in dem die synaptischen Keimlinge binnen Tagen wieder vertrocknen, von der magnetischen Kraft eingefahrener Rillen, die unter Stressbedingungen schnell reaktiviert werden, ganz zu schweigen. Hier bietet zum Beispiel die technische Möglichkeit, sich nach einem erlebnisintensiven Präsenzseminar etwa jeden Monat per Videokonferenz in den Arbeitsalltag der Teilnehmer einzuklinken und Anwendungsfälle zu supervidieren, einen entscheidenden Vorteil: Inhalte und Methoden werden mit den konkreten Aufgaben der Teilnehmer verknüpft und durchdringen über einen längeren Zeitraum immer wieder ihren Alltag. Diese gesteigerte Alltagspenetranz schafft ideale Voraussetzungen für ein erfolgreiches Anschwimmen gegen den Strom gut gebahnter alter Muster. Hieraus ergeben sich oft nahtlos Anlässe für persönliches e-Coaching, das erfahrungsgemäß spontaner stattfinden kann und damit näher am Puls des Geschehens ist als Präsenztermine. Ebenso bietet sich die Chance, selbstorganisierte Arbeits- Master-Mind- und Intervisionsgruppen anzuregen, die dann als reale Treffen oder über die unternehmensinternen Kommunikationsmittel stattfinden und generativ musterverändernd weiterwirken. Schließlich, und auch das ist nicht zu verachten, bedeutet die häufigere, da kostensparende Kontaktmöglichkeit mit Kunden einen Wettbewerbsvorteil. Wir bleiben auch nach dem persönlichen Auftritt präsent und lernen die Anliegen unserer Klienten und Teilnehmer über die Zeit immer besser kennen.

Aus der Fülle möglicher Argumente für und wider das e-training und e-coaching haben wir hier einen kleinen, subjektiv gefärbten und blind als tendenziös erkennbaren Ausschnitt dargestellt. Wir hoffen, Sie haben Lust bekommen, sich wieder - oder noch mehr als ohnehin schon - mit dem Thema zu beschäftigen. Wenn dies so ist, dann treffen wir uns ja vielleicht einmal in den unermesslichen Weiten des World Wide Web.

 

BRAIN-HR wurde 2010 von Franz Korbinian Hütter gegründet. Konzipiert als Institut für kollegiale wissenschaftliche Fortbildungen richtet sich das Angebot von BRAIN-HR vornehmlich an Trainer, Coaches, Berater, Führungskräfte und Lehrende. Besonderes Anliegen von Franz Hütter ist es, aktuelle Befunde der Gehirnforschung und der Psychologie für die Praxis nutzbar zu machen und im kollegialen Austausch mit Führungskräften, Personalentwicklern, Trainern und Coaches in konkretes Handeln umzusetzen. www.brain-hr.com 


[1] www.dvct.de/aktuelles/dvct-pressemitteilungen/artikel/fit-fuer-neue-lernwelten-programm-des-dvct-mehrwerttages-am-23-juni-2017-in-hamburg-bietet-e-lea/
[2] www.dvct.de/verband/dvct-mitgliederbefragung/
[3] Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.
[4] Bauer, Joachim (2009). Erziehung als Spiegelung. Die pädagogische Beziehung aus dem Blickwinkel der Hirnforschung. In: Ulrich Herrmann (Hg.): Neurodidaktik. Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen. 2., erw. Aufl. Weinheim: Beltz (Beltz-Pädagogik), S. 109–115.
[5] www.edudip.com
[6] zoom.us
[7] Storch, M., Cantieni, B., Hüther, G. & Tschacher, W. (2011). Embodiment (2 ed.). Bern: Huber.