Fachbeiträge

Coaching und Arbeitssucht

Ein Fachbeitrag von Prof. Dr. Ute Rademacher

Wenn Klienten im Coaching darüber klagen, dass ihnen „alles zu viel“ wird, sie sich dauerhaft überlastet fühlen, kann sich dahinter ein ernstzunehmendes psychologisches Problem verbergen. Bei einer Depression, Burnout oder psychosomatischen Erkrankungen ist Coaching nicht die richtige Lösung, sondern eine psychotherapeutische Behandlung. Doch selbst wenn energiegeladene Klienten ihre „Work-Life-Balance“ oder ihr Zeitmanagement verbessern wollen, um die an sie gestellten Anforderungen besser bewältigen zu können, kann sich dahinter eine weniger bekannte Problematik verbergen: die Arbeitssucht.

Süchtig sein nach Aktivität
Arbeitssucht ist keine Modekrankheit, sondern eine ernstzunehmende, substanz-ungebundene Verhaltenssucht. Sie erfüllt alle Kriterien, welche die Weltgesundheitsorganisation in der „International Classification of Deseases“ (ICD 10) als „Abhängigkeitssyndrom“ definiert:

  • Kontrollverlust: Arbeitssüchtige haben ein scheinbar unausweichliches Verlangen, viel Arbeit auf sich zu nehmen.
  • Dosissteigerung: Arbeitssüchtige neigen dazu, immer mehr und mehr Arbeit zu übernehmen, um den erwünschten Erlebniszustand („Kick“) zu erleben.
  • Entzugserscheinungen: Situationen, in denen sie nicht arbeiten können, lösen bei Arbeitssüchtigen Unruhe, Unwohlsein und negative Emotionen aus.
  • Abstinenzunfähigkeit: Arbeitssüchtige kommen auch krank zur Arbeit (Präsentismus). Sie arbeiten auch am Wochenende und im Urlaub, nicht selten heimlich.
  • Psychosoziale Störungen: Arbeitssüchtige vernachlässigen andere Verpflichtungen und Lebensbereiche (z.B. Familie, Hobbies) zu Gunsten der Arbeit.
  • Psychoreaktive Störungen: Arbeitssüchtige gehen ihrer Arbeitssucht nach, auch wenn dies schädliche Folgen für sie selbst und andere hat und sie sich dessen – theoretisch – auch bewusst sind.


Studien zur Verbreitung von Arbeitssucht im deutschsprachigen Raum legen nahe, dass schätzungsweise 200.000 bis 300.000 Deutsche arbeitssüchtig sind. Die steigende Zahl von Selbsthilfegruppen der „Anonymen Arbeitssüchtigen“ und spezielle Programme in psychosomatischen Rehabilitationskliniken unterstreichen die wachsende Verbreitung von Arbeitssucht (Städele & Poppelreuter, 2009).

Als Coach Arbeitssucht(-gefährdung) erkennen
Wie können Coaches klären, ob sich hinter der geschilderten Überlastungsproblematik eines Klienten eine Depression, Burnout oder klinisch relevante Arbeitssucht verbirgt? Um im Coaching-Prozess verantwortungsvoll auf die Situation des Klienten eingehen zu können, sollte bei der Auftragsklärung erfragt werden, inwieweit (psycho-)somatische Symptome auftreten. Gegebenenfalls ist die Konsultation eines Spezialisten für psychosomatische Medizin zu empfehlen. Das Beck-Depressions-Inventar (BDI) und das Maslach-Burnout-Inventar (MBI) geben Aufschluss darüber, ob Überlastungen ein Zeichen einer Depression oder eines Burnouts darstellen.

Bedeutung der Arbeit für den Klienten hinterfragen
Ist nicht von einer klinisch relevanten Symptomatik auszugehen, sollten Coaches im nächsten Schritt die Einstellung zur Arbeit sowie das Arbeitsverhalten und -erleben erkunden. Für eine klare Differenzierung zwischen einer psychotherapeutisch zu behandelnden Arbeitssucht und einer Gefährdung, welche im Coaching adressiert werden kann, existieren noch keine psychometrischen Tests. Das Inventar in Rademacher (2017) gibt jedoch eine Orientierung, ob und inwieweit Menschen von Arbeitssucht gefährdet oder betroffen sind.

Fragen zum Arbeitsverhalten:

  • Wie häufig machen Sie Überstunden – und wie viele?
  • Seit welchem Zeitraum machen Sie regelmäßig Überstunden?
  • Auf welche Weise versuchen Sie, Überstunden zu vermeiden und abzubauen?
  • Wie grenzen Sie sich gegenüber Anforderungen ab?
  • Auf welche Weise holen Sie sich Unterstützung?
  • Was machen Sie, wenn Sie nichts zu tun haben?

Fragen zur Arbeitseinstellung:

  • Welche Rolle spielt Arbeit in Ihrem Leben?
  • Mit welchen „Glaubenssätzen“ über Arbeit und beruflichen Erfolg sind Sie groß geworden? 
  • Welche anderen Lebensbereiche gibt es, hinter denen die Arbeit ab und an zurücksteht?
  • Was würde Ihnen alles fehlen, wenn es die Arbeit nicht mehr gäbe?


Um die einstellungsprägenden Werte aufdecken zu können, können Coaching-Tools wie das Wertequadrat von Schulz von Thun (Patrzek, 2009) systemische Fragen ergänzen und offenbaren, inwieweit eine „protestantische“ Werthaltung des Klienten es erschwert, für Genuss, Regeneration und Ausgleich zu sorgen (Rademacher, 2013). Bezieht sich ihr Denken, Planen und Streben vor allem auf die Arbeit und werden Familie und Freundschaften „um die Arbeit herum“ organisiert, sind Hinweise auf eine (drohende) Arbeitssucht gegeben.

Fragen zur Erlebensweise:

  • Wie fühlen Sie sich bei der Arbeit?
  • Welche angenehmen und unangenehmen Gefühle erfahren Sie?
  • Wie fühlen Sie sich, wenn Sie nichts zu tun haben?


Wenn Klienten von einem inneren Drang, ständig aktiv zu sein, berichten, ist auch dies ein Indikator von Arbeitssucht. Arbeitssüchtige erleben Zeiten der Untätigkeit am Wochenende oder im Urlaub als unbefriedigend. Sie können nervös oder gereizt reagieren, weil sie Nichtstun als unangenehme Leere empfinden, die bei ihnen mit einem schlechten Gewissen und Gefühlen von Minderwertigkeit, Scham oder Schuld einhergeht.

Durch diese Fragen und Reflexionen können die Klienten zu der Einsicht gelangen, dass sie von Arbeitssucht bedroht oder bereits arbeitssüchtig sind. Die Krankheitseinsicht ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche Interventionen.

Prävention von Arbeitssucht durch Coaching und Trainings
Coachs, Trainer und Vorgesetzte sollten ‚Workaholics’ auf respektvolle Weise mit kritischen Aspekten ihres Überengagements konfrontieren: die fachlichen Risiken von Alleingängen, das fehlende Vertrauen in die anderen Teammitglieder, das steigende Risiko von Fehlern sowie die gesundheitlichen Schäden. Wenn diese kritischen Rückmeldungen greifen, stehen die Chancen besser, dass von Arbeitssucht Gefährdete die eigene Arbeitshaltung und die Rolle der Arbeit in ihrem Leben kritisch beleuchten.

Damit eine geänderte Einstellung auch zu einer Verhaltensänderung führt, ist emotionale Selbstregulation erforderlich. Kurz gesagt müssen von Arbeitssucht Gefährdete erlernen, nicht zu arbeiten und sich dabei gut zu fühlen. Die starke Kopplung positiver Emotionen mit exzessiver Mehrarbeit macht es diesen Menschen schwer, inaktiv zu sein, ohne Langeweile, Scham, Wertlosigkeit oder Leere zu empfinden.

Im Coaching sollten Möglichkeiten erarbeitet werden, wie Klienten anders auf die typischen „Fallen“ wie beispielsweise Sonderwunsch des Kunden am Freitag Nachmittag reagieren können. Was braucht der Klient, um Arbeit abzulehnen oder abgeben zu können? Welches andere Arbeitsverhalten führt zu ausreichend guten Zielen ohne exzessive Arbeitsphasen? Je spezifischere Alternativen zu den gewohnten Reaktionsweisen formuliert werden und je akzeptabler sich diese für die Betroffenen anfühlen, desto größer sind die Chancen dafür, dass diese ausprobiert und umgesetzt werden.

Wichtig ist dabei, die Gehversuche in neuem Terrain im Coaching positiv zu verstärken. selbst wenn es Klienten (noch) nicht gelingt, sich ganz von alten Handlungsmustern zu verabschieden, sollte der Coach Anerkennung für das Bemühen darum geben. Nur so gewinnen Klienten die Kraft und Motivation dafür, es beim nächsten Mal erneut zu versuchen und peux à peux auf diese Weise neue Verhaltensweisen zu entwickeln. Eine Übersicht über die Präventions- und Interventionsmaßnahmen sowie einen Selbsttest zur Arbeitssucht sind in Rademacher (2017) zu finden.

Literatur
Patrzek, Andreas (2009). Wertequadrat. In Christopher Rauen (Hrsg.). Coaching-Tools II. Bonn: managerSeminare. S. 151–157.
Rademacher, Ute (2013). Das Glück des Genießens. Freiburg: Herder.
Rademacher, Ute (2017). Workaholismus. Arbeitssucht erkennen und verhindern. Wiesbaden: Springer Gabler.
Schmidt, Gunther (2012). Kompetenzaktivierung. In Christopher Rauen (Hrsg.). Coaching-Tools III. Bonn: managerSeminare. S. 278–288.
Schröder, Peter (2012). Schlüsselsituationen. In Christopher Rauen (Hrsg.). Coaching-Tools III. Bonn: managerSeminare. S. 238–241.
Städele, Michaela & Poppelreuter, Stefan (2009). Arbeitssucht — Neuere Erkenntnisse in Diagnose, Intervention, Prävention. In Dominik Batthyány & Alfred Pritz (Hrsg.). Rausch ohne Drogen. Wiesbaden: Springer Gabler. S. 141–162.

Über die Autorin
Prof. Dr. Ute Rademacher ist Diplom-Psychologin, promovierte Kommunikationspsychologin und zertifizierter Business Coach mit den Schwerpunkten „Karriere-Coaching“ und „Stress-Abbau und Burn Out-Prophylaxe“. Sie arbeitet als Professorin für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management in Hamburg und kennt Phasen hoher Arbeitsdichte aus ihrer früheren Tätigkeit als Top-Managerin in international agierenden Unternehmen. Heute unterstützt und berät sie Menschen und Unternehmen im psychologischen Coaching dabei, berufliche Aufgaben zu erfüllen, ohne an den Grenzen der Verausgabung zu agieren.  http://www.colibri-coaching.de 

Erstveröffentlichung im RAUEN Coaching-Newsletter (www.coaching-newsletter.de)