Fachbeiträge

Rituale und Coaching: wann sich der Einsatz ritueller Elemente im lebensphasen-orientierten Coaching lohnt

Ein Fachbeitrag von Antje Pfab

Übergänge von einer Lebensphase in eine neue

Wir alle sind mit unterschiedlichen Lebensphasen vertraut und haben bereits mehrere Übergänge von einer Lebensphase in die nächste erfolgreich gemeistert. Manche dieser Übergänge haben andere Menschen für uns gestaltet (z. B. Einschulung), bei anderen waren wir selbst auch bei der Gestaltung des Übergangs maßgeblich beteiligt (z. B. Hochzeit oder runde Geburtstagsfeiern).

Kennzeichnend für diese Übergänge ist der besondere Anlass, den der Übergang selbst darstellt, und der durch diese „Besonderheit“ bereits deutlich macht, dass es sich um keinen alltäglichen Wechsel handelt, sondern um einen wichtigen Einschnitt im Leben, der dem oder der Betroffenen darum besonders bewusst gemacht werden soll und von ihr oder ihm auch entsprechend bewältigt werden muss. Feierlichkeiten oder Rituale, die den besonderen Charakter des Anlasses unterstreichen, können einen wichtigen Beitrag leisten, um den Rollenwechsel, der häufig mit dem Übergang von einer Lebensphase in die nächste verbunden ist, zu verdeutlichen und gut zu bewältigen.

Anliegen, bei denen rituelle Elemente im Coaching nützlich sein können

Übergänge, die in Coaching-Prozessen eine Rolle spielen oder auch selbst Anlass für ein Coaching darstellen, sind z. B. der Übergang von Ausbildung oder Studium zum Beruf (beruflicher Einstieg), Aufstieg zur Führungskraft, Umstrukturierungsprozesse im Unternehmen, beruflicher Wiedereinstieg nach einer Familienphase, Auslandsentsendungen, Stellenwechsel oder die Pensionierung. Auch hier können Rituale hilfreich sein, um den Übergang von einer Lebensphase in die nächste oder den mit dem Übergang verbundenen beruflichen Rollenwechsel gut zu bewältigen.

Übergangsrituale und ihre Phasen

 Als ein wichtiges Instrument im Coaching hat sich für mich das Konzept des Übergangsrituals ergeben, das ursprünglich aus der Ethnologie stammt. Für Übergangsrituale sind drei Phasen entscheidend:

1. Die Trennungsphase, in der Trennungsrituale die Ablösung von der bisherigen Lebensphase, Gruppenzugehörigkeit oder auch Loslösung von einem Ort fördern und symbolisch beenden.

2. Die Schwellen- bzw. Umwandlungsphase, in der man die bisherige Lebensphase, die alte Gruppenzugehörigkeit oder den früheren Ort bereits verlassen hat, in der neuen Lebensphase, sozialen Gruppe oder zukünftigem Ort jedoch noch nicht angekommen ist. Sie ist auch eine Art „Reife-Zeit“, in der man sich auf eine neue soziale Rolle oder einen zukünftigen Ort vorbereitet.

3. Die Angliederungsphase, in der Integrationsrituale das Sich-Einfinden in einer neuen Gruppe, sozialen Rolle oder Ankommen an einem neuen Ort fördern und begleiten. (van Gennep 2005: 21).

Beispiele für den Einsatz ritueller Elemente bei Übergangs-Themen im Coaching…
…zur Unterstützung der Trennungsphase

Hat ein Coachee Schwierigkeiten, eine bestimmte Lebensphase hinter sich zu lassen, bestimmte Verhaltensweisen oder Rollen aufzugeben, können rituelle Elemente aus der Trennungsphase von Übergangsritualen den Ablösungsprozess unterstützen:  z. B. haben sich das bewusste Ablegen von Kleidung, Reinigungsrituale in Form eines symbolischen „Abwaschens“ belastender Emotionen oder Gedanken in meiner Coaching-Praxis als sehr hilfreich erwiesen. Solche Rituale können auf einfache Weise und dennoch überaus wirksam in den eigenen Alltag der Coachees integriert werden. In der Coaching-Sitzung selbst kann das Loslassen von belastenden Gedanken durch das Schreiben von Moderationskarten durch den Coachee oder die bewusste Auswahl eines Symbols geschehen, das für die mit der zu verlassenden Rolle, Lebensphase oder Berufssituation steht. Die geschriebenen Karten oder das gewählte Symbol können dann in einem symbolischen Akt dem Coach oder einem anderen Platz (Schachtel, Papierkorb) übergeben werden. Auch ein rituelles Zerreißen der Karten ist oft hilfreich, um eine Trennung spürbar werden zu lassen und so zu verinnerlichen.

…zur Unterstützung der Umwandlungsphase

Auf einen Coaching-Prozess übertragen findet sich zur Schwellenphase die Parallele, dass auch persönliche Veränderung nur stattfinden kann, wenn man sich von „Altem“ (Rollenmuster, Handlungsweisen, Statusgruppen etc.) gelöst hat und genügend „Reife-Zeit“   zur Transformation und Entwicklung von dem, der man zukünftig sein will (oder muss) bzw. wie man eine neue Rolle füllen kann, durchlaufen konnte. Erst dann kann ein erfolgreicher Übergang gelingen, eine (Wieder-) Angliederung und Umsetzung neuer Handlungsweisen stattfinden.

Schwellenphasen-unterstützendes Coaching zeichnet sich dabei aus durch eine Erhöhung der Komplexität, der Entwicklung von kreativen Ideen, die jeglicher realistischer Umsetzbarkeit entbehren dürfen und dadurch erst die nötige Freiheit gewährleisten, die aus einem festgefahrenen Zustand löst, genügend Abstand zu einem Problem oder der aktuellen eigenen Situation bietet, um dann eine (realisierbare) „Lösung“, einen praktikablen Umgang zu finden – oder auch eine neue Rolle. Neben kreativen Ausdrucksformen von Gefühlen und Gedanken kann in dieser Phase das Ausprobieren neuer Handlungsweisen zur Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit im Coaching hilfreich sein. Auch ein symbolischer Stein, der noch unbehandelt und ungeschliffen ist, und den Coachee dadurch an im Moment noch unbekannte oder unzugängliche innere „Schätze“ erinnert, kann als rituelles Element die Umwandlungsphase unterstützen. Da diese „Findungsphase“ oft dadurch charakterisiert ist, dass sie einen kognitiven und reflexiven Zugang (noch) nicht ermöglicht und infolgedessen oft buchstäblich die Worte fehlen, um mit sprachlichen Methoden bearbeitet werden zu können, bieten sich im Coaching auch Fantasiereisen an, die wichtige rituelle Elemente beinhalten, Meditationen sowie körperliche oder künstlerische Ausdrucksweisen, welche in ein individuelles Ritual integriert werden können.

…zur Unterstützung der Angliederungsphase

Rituelle Elemente aus der Angliederungsphase können einem Coachee das Annehmen einer bestimmten Rolle oder Ankommen in einer neuen Berufs- oder Lebensphase erleichtern. So kann z. B. der Transfer einer in der Schwellenphase während des Coaching-Prozesses gewonnenen Erkenntnis oder für den neuen Berufs- oder Lebensabschnitt hilfreichen Handlungsweise in Form eines Symbols für diese Erkenntnis oder Handlungsweise vom Coachee mitgenommen werden und im Alltag daran erinnern. Dies kann ein Ressourcenstein sein, der im Coaching mit wichtigen Stärken und Kompetenzen rituell belegt wurde, die für die neue Rolle oder Lebensphase bedeutsam sind. Diesen kann der Coachee dann entweder in der Hosentasche oder auch – für andere in der Bedeutung nicht erkennbar – auf dem Schreibtisch in Sichtweite ablegen. Auch das bewusste Aufsetzen einen neuen Hutes kann ein rituelles Element zur Unterstützung des Einfindens in eine neue Rolle im Coaching sein. Wie auch bei den Trennungsritualen kann Kleidung ein wichtiges Element darstellen, hier durch An- statt Ausziehen symbolisiert. Auch ein im Coaching-Prozess entwickelter ritualisierter Ablauf für den Beginn oder Abschluss eines Arbeitstages oder die Gestaltung eines festgelegten Settings zum Führen von Mitarbeitergesprächen kann durch die darin enthaltenen rituellen Elemente eine neue Führungskraft in der Ausübung ihrer Rolle stärken.

Wodurch Rituale den Coaching-Prozess unterstützen

Da Rituale uns allen vertraut sind und an bereits erfolgreich bewältigte Übergangsphasen im Leben erinnern, aktivieren sie Ressourcen und die eigene Zuversicht eines Coachees, dass auch der nun vor ihm/ihr liegende Übergang gemeistert werden kann. Durch die strukturgebende und emotionale Komponente von Ritualen wird der Übergang „spürbar“ und bewusst wahrgenommen und trägt so ebenfalls zu einem gelingenden Berufs- oder Lebensphasen-Wechsel bei.

Literatur

van Gennep, Arnold (2005):  Übergangsriten.  3., erweiterte Auflage. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag.

 

Über die Autorin

Antje Pfab ist Ethnologin, Coach (DGSv) und Kommunikationstrainerin. Sie leitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Fulda seit 2011 das Weiterbildungsstudium „Professionelles Coaching und Supervision“ und promoviert an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zur Bedeutung von Übergangsriten in der reflexiven Beratung. Daneben arbeitet sie freiberuflich als Coach, Supervisorin, Trainerin und Dozentin. www.zielklaerung.de