Fachbeiträge

Verlassen Sie sich noch auf Worte oder lesen Sie schon Nonverbal?

Ein Fachbeitrag von Dirk Eilert

Tina ist Sales Managerin bei einem renommierten Hersteller für Haushaltsgeräte. Sie kommt zu mir ins Coaching, weil sie in den wöchentlich stattfindenden Meetings mit ihren Kollegen enorm unter Stress gerät. Es schnüre ihr förmlich die Kehle zu, sobald es darum ginge, etwas vor ihren Kollegen zu präsentieren. Um den Auslöser für den Stress zu finden, bitte ich sie, solch eine Situation vor ihrem inneren Auge aufzubauen. Sie schließt die Augen und nach ein paar Sekunden bemerke ich ein sehr subtiles Zucken ihres linken Mundwinkels.

Erstaunt stelle ich fest, dass sie soeben keinerlei Signale von Angst, sondern viel mehr von Geringschätzung gezeigt hat – ohne es zu bemerken. „Wenn ich es richtig wahrnehme, spüren Sie gerade Geringschätzung“, sage ich. Ein Ausdruck von Überraschung huscht über Tinas Gesicht. Sie nickt: „Das gibt es ja nicht. Mir ist gerade etwas aufgefallen, das mir bisher so nicht bewusst war. Eine meiner Kolleginnen geht mir mit ihrer Art, sich ständig in den Vordergrund zu drängen, total auf die Nerven!“ Tina beschreibt sich selbst als harmoniebedürftig, es falle ihr schwer, in solchen Momenten „richtig zu reagieren“. Sie würde der Kollegin am liebsten mitteilen, wie sie über ihr Verhalten denkt. „Aber das tut man ja nicht, oder?“ Ihre Augenbrauen-Innenseiten zucken leicht nach oben.

„Sie fühlen sich in der Situation hilflos, ist das richtig?“
„Ja, absolut“, antwortet Tina.
In der Coachingsitzung fokussieren wir den unangenehmsten Moment des Meetings und lösen die emotionale Blockade mittels der wingwave-Methode auf. Unsere zweite Sitzung beginnt wie folgt: „Ich kann es noch gar nicht richtig glauben: Unser letztes Meeting verlief für mich total entspannt. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass sich das Verhältnis zu meiner Kollegin verbessert hat.“

Die Mikroexpressionen in Tinas Gesicht, welche auf Gefühle von Geringschätzung und Hilflosigkeit hindeuteten, dauerten nur etwa 100 Millisekunden. Hätte ich sie übersehen, wären wir im Coaching nicht so schnell oder möglicherweise gar nicht zum Thema vorgedrungen. Eine Erfahrung, die ich immer wieder mache und welche auch die aktuelle Forschung immer wieder belegt. Das Ergebnis einer 2014 von Irena Makower durchgeführten Studie ist, dass die Emotionserkennungsfähigkeit eines Psychotherapeuten, das Ergebnis einer Therapie und die Zufriedenheit des Patienten positiv beeinflusst. Die Studie wurde mit 31 kognitiven Verhaltenstherapeuten durchgeführt, die jeweils zwei Patienten behandelten. Gemessen wurde die Emotionserkennungsfähigkeit mit einem computergestützten Test, der emotionale Gesichtsausdrücke der sieben Basisemotionen für jeweils 200 Millisekunden präsentierte. Es wurde ein signifikanter positiver Zusammenhang zwischen einer hohen Emotionserkennungsfähigkeit des Psychotherapeuten und dem Therapieergebnis gefunden, gemessen an der Zunahme des Selbstwertgefühls des Patienten – einer der wichtigsten emotionalen Ressourcen. Die Ausprägung der Erkennungsfähigkeit bei verschiedenen Emotionen wirkte sich unterschiedlich aus: Die Fähigkeit des Psychotherapeuten Angst in der Mimik seiner Patienten zu erkennen, stand dabei in Zusammenhang mit einem besseren Therapieergebnis sowie mit einer Abnahme der Symptome. Die Erkennungsfähigkeit von Trauer korrelierte hingegen mit der Therapie-Zufriedenheit der Patienten. Es scheint also, dass die Emotionserkennungsfähigkeit verschiedener Gefühle eine unterschiedliche Rolle für die Wirkung spielt.

Gemeinsam mit dem Wirtschaftspsychologen Dennis Rabe habe ich einen Test entwickelt, mit dem sich leicht und schnell die Emotionserkennungsfähigkeit einer Person messen lässt – den READ-49. Vor einiger Zeit testeten wir anhand dieses Instrumentes die Emotionserkennungsfähigkeit von Coaches. Das Ergebnis: Der Durchschnitt liegt bei nur 40 Prozent. Das bedeutet, weniger als die Hälfte der im READ-Test auf einem Computerbildschirm angezeigten Emotionsausdrücke wurde von den Coaches richtig erkannt. Diese Zahlen beziehen sich auf Mikroexpressionen mit einer Dauer von 100 Millisekunden. Dauerten die Gesichtsausdrücke 300 Millisekunden, lag die Quote bei durchschnittlich 55 Prozent.

Warum gerade die Mimik?

Wenn es um die Fähigkeit geht, Emotionen anderer Menschen richtig einzuschätzen, ist der Blick ins Gesicht unabdingbar. Aber warum bildet ausgerechnet die Mimik unser emotionales Befinden so exakt ab? Der Grund ist denkbar einfach: Nervenbahnen verknüpfen unsere mimische Muskulatur unmittelbar mit unserem limbischen System – dem Emotionszentrum im Gehirn. Dieses verarbeitet Informationen rund 0,5 Sekunden schneller als unser Großhirn, die Mimik ist so gesehen schneller als unser Verstand. Schon in den 60er-Jahren entdeckten die beiden US-amerikanischen Psychologen Haggard und Isaacs, als sie sich Aufzeichnungen von Psychotherapie-Sitzungen in Zeitlupe ansahen, im Gesicht der Patienten sehr schnelle emotionale Ausdrücke. Die Geburtsstunde der Mikroexpressionen. Doch worauf genau sollte man im Coaching bzw. im Umgang mit seinen Klienten nun achten? Seien Sie vor allem in Schlüsselmomenten, z.B. wenn Sie Fragen stellen, besonders aufmerksam und achten Sie auf die feinen und schnellen Bewegungen in der Mimik Ihrer Klienten.

Kehren wir noch einmal zur oben angesprochenen schwedischen Studie zurück: Je besser der Psychotherapeut z.B. Angst in der Mimik seiner Patienten zu erkennen vermochte, desto besser war das Ergebnis der Therapie, einschließlich einer Abnahme der Symptome. Erkannten die Therapeuten hingegen Trauer überdurchschnittlich gut, stieg die Zufriedenheit der Patienten hinsichtlich der Psychotherapie. Es scheint, dass vor allem das Erkennen von Angst und Trauer eine entscheidende Rolle für den Erfolg spielt. Umso fataler, dass genau diese beiden Emotionen in unserer READ-Test-Untersuchung von Coaches am schlechtesten erkannt wurden. Beide, also Angst und Trauer, wurden nur zu 22 Prozent richtig eingeordnet.

Wie kann ich Angst und Trauer bei meinen Klienten unterscheiden?

Jeder Emotion können auslösende Trigger zugeordnet werden, die kulturübergreifend gleich sind. Haben wir das Gefühl, unser körperliches oder psychisches Wohlbefinden sei bedroht, verspüren wir Angst. Wir müssen dabei nicht wirklich ernsthaft in Gefahr sein, allein der Gedanke an eine Gefährdung löst bei den meisten Menschen Unbehagen aus. Doch wie äußert sich Angst in unserer Mimik? Die Augenbrauen werden nach oben und zusammengezogen sowie die Augenlider angehoben, während die unteren Augenlider angespannt und die Lippen seitlich nach außen gezogen werden. So sieht der „Prototyp“ von Angst aus, was allerdings nur vorkommt, wenn sie sehr stark ist. Meist äußert sich Angst subtiler, indem die Person nur einen Teil der genannten Signale zeigt. Das gleichzeitige Hoch- und Zusammenziehen der Augenbrauen – ohne zusätzliche Bewegungen – kann zum Beispiel zuverlässig als Angst interpretiert werden. Zieht jemand nur die Lippen seitlich auseinander, kann das auf leichte Angst hinweisen, jedoch ebenso auf ein anderes Gefühl: Schmerz.

 Angst           Trauer

Fotos: Bettina Volke

Die Emotion Trauer wird weltweit bei allen Menschen durch Verlust ausgelöst – sei es der Verlust einer geliebten Person oder eines geliebten Objektes. Auch kann es sich um unerfüllte Erwartungen in Bezug auf eine Situation oder einen Menschen handeln, die uns traurig machen. Auch hier muss der Fall noch nicht einmal wirklich eingetreten sein, auch die Vorwegnahme eines Verlustes kann Trauer auslösen. Trauer zeigt sich prototypisch in der Mimik durch hochgezogene Augenbrauen-Innenseiten (erkennbar an den Falten im Stirnzentrum), nach unten gezogene Mundwinkel und einen angespannten Kinnbuckel. Sie kann sich auf verschiedene Weise subtil in der Mimik zeigen. So gilt schon das Hochziehen der Augenbrauen-Innenseiten als zuverlässiges Zeichen für eine leichte oder kontrollierte Traurigkeit, auch für eine gerade beginnende oder verebbende Trauer.

Gesteigerter Coachingerfolg durch Rückkoppeln der beobachteten Emotionen

Eine 2007 an der Universität von Kalifornien durchgeführte Studie zeigte, dass das bloße Benennen von Emotionen uns hilft, unangenehme Gefühle zu regulieren. Voraussetzung dafür ist, dass das Gefühl korrekt benannt wird. Für uns Coaches verdeutlicht diese Erkenntnis, wie wichtig es ist, die beobachteten Emotionen wertschätzend rückzukoppeln. Dies kann beispielsweise in Form einer Ich-Wahrnehmung geschehen: „Wenn ich es richtig sehe, machen Sie sich Sorgen“ oder „Ich habe das Gefühl, das macht Sie traurig“. Wirksam wird solch eine Aussage erst, wenn die Haltung dahinter nicht lautet: „Ich habe dich durchschaut“, sondern „Ich möchte dich verstehen“.

Ihre Aufgabe für die nächste Zeit lautet nun, Stück für Stück Ihren Beobachtungsmuskel im Coaching zu trainieren! Achten Sie in Schlüsselmomenten auf feine Bewegungen im Gesichts Ihres Coachees und koppeln Sie das Beobachtete in Form von Resonanzaussagen zurück. Ihr Gegenüber wird Ihnen signalisieren, ob Sie mit Ihrer Einschätzung richtig lagen. Und bald werden Ihnen unausgesprochene Signale auffallen, die Ihnen vorher verborgen blieben. So maximieren Sie sowohl Ihren Erfolg im Coaching, als auch die Zufriedenheit Ihrer Klienten.

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