Fachbeiträge

Kreatives Online-Coaching: wie es ganz leicht gelingen kann

Ein Fachbeitrag von Iris Komarek

Würde jemand durch das Fenster schauen und mich beobachten, hätte dieser Zaungast sicherlich ein großes Fragezeichen im Kopf. Denn was er sieht, kann er womöglich nicht sofort einordnen: Ich stehe auf einem Stuhl, halte den Laptop mit der geöffneten Seite nach unten, schwenke ihn langsam hin und her und rede ab und zu vor mich hin. Schließlich setze ich mich auf den Boden, setze den Laptop ab, nehme zwei Karten vom Boden auf und halte sie in die Kamera.

Was für jemand Außenstehen befremdlich wirken mag, ist für mich eine relativ normale Coaching-Situation. Online-Coaching-Situation, um es präzise zu formulieren. Denn ich bin nicht mit meiner Klientin in einem Raum, sondern sie befindet sich gut 600 Kilometer entfernt in Berlin. Coaching im Sinne von viel miteinander reden, z.B. via Skype, ist heutzutage sicherlich nichts Außergewöhnliches mehr. Dabei jedoch auch viele kreative Methoden, Bewegung und bestimmte Materialien zu verwenden, finden viele Coachs noch eher ungewöhnlich.

Ganz grundsätzlich möchte ich im Online-Coaching eine ähnliche Atmosphäre erzeugen und vergleichbar arbeiten wie in Live-Coachings. Mein tiefe Überzeugung aufgrund intensiver Online-Coachings ist: das geht - wenn man ein paar Dinge beachtet.

Rahmen setzen im Vorgespräch
Wie bei Live-Coachings auch, biete ich immer ein Vorgespräch an. Natürlich wegen der klassischen Gründe: sich kennen lernen, Thema festzurren, Organisation und Ablauf klären etc. Beim Online-Coaching ist mir zudem sehr wichtig, dass die Klienten einen Eindruck bekommen, dass wir nicht einfach nur vor unseren Laptops sitzen, uns über die Kamera anschauen und miteinander reden, sondern dass wir viele verschiedene meethodische Varianten nutzen.

Unterschiedliche Orte nutzen
Ich beginne das Gespräch meist in einem gemütlichen Sessel mit einem noch dampfenden Tee (für die Aufwärmphase) in der Hand. Sobald es um das eigentliche Thema geht, greife ich nach meinem Laptop und setze mich an meinen Tisch, wo ich mir auch Notizen etc. machen kann. Und in fast jedem Coaching nutze ich noch weitere Räumlichkeiten, z.B. den Boden oder das Flipchart oder die Moderations-Wand. All diese Elemente lasse ich auch im Vorgespräch schon einfließen, so dass witzigerweise die Klienten bei der ersten Sitzung oft ebenfalls verschiedene Ort vorbereitet haben - ohne Aufforderung meinerseits!

Coaching-Material vorher zuschicken
Nach dem Vorgespräch schicke ich ganz oft ein bisschen Material an meine Klient/innen. Standardmäßig sind darin ein paar Moderations-Karten, ein Flipchart-Stift, eine dicke farbige ca. 3 m lange Schnur, blanko-Papier DINA3, 3-4 bunte Filz- oder Bunttifte, 6 unterschiedliche Motiv-Karten bzw. Postkarten, ein paar kleine Steine, eine Emotions-Skala-Karte von 1 bis 10 und eine schmale Rolle Maler-Krepp enthalten. Kostet meist nur 2,20 Euro Porto, ist am nächsten Tag beim Klienten und hat eine wirklich große Wirkung.

Transfer von Live-Methoden ins Online-Coaching
Ich überlege mir immer: wie würde ich das im Live-Coaching machen, und versuche so viel davon in das Online-Coaching zu übertragen. Meine Erfahrung ist, dass sich viele Coaches schon im vorhinein beschränken, indem sie den Glaubenssatz haben: Online-Coaching ist technik-gesteuert, beruht vor allem auf das Gespräch und ist für emotionale Themen nicht geeignet. Meine Erfahrungen sind da ganz anders. Menschliche Nähe entsteht nicht durch körperliche Nähe, sondern durch Empathie, Humor, wertschätzende Kommunikation und der Lust am Unperfekten.

Ich habe hier ein paar Beispiele zusammengestellt, wie man jenseits des Gesprächs auch visuelle und kinästhetische Coaching-Methoden im virtuellen Raum einstetzen kann.

Einsatz von Bildkarten:
Sehr oft arbeite ich beispielsweise mit Bildkarten und für mich ist es sehr wichtig, diese auch im virtuellen Coaching-Raum einsetzen zu können. Also lege ich diese Karten auf dem Boden aus, steige auf den Stuhl, schwenke mit der Kamera langsam über die Karten bis der Klient „seine“ gefunden hat. Diese greife ich heraus, zeige sie zentral in die Kamera oder fotografiere sie schnell ab und maile sie zu (das tue ich sowieso im Nachgang des Coachings). Sicherlich gäbe es elegantere Lösungen dafür, die Klienten finden es meist lustig und „fast wie in echt“.

Moderationskarten verwenden
Wenn Ideen oder Werte gesammelt werden, dann lasse ich diese auf die Moderationskarten schreiben und auslegen oder an die Wand heften mit Malerkrepp. Hier braucht es ein bisschen Übung, damit ich auch gut mitschauen kann. Bisher hat das immer super geklappt.

Meditations- und Entspannungsübungen
Manchmal mache ich eine kleine Meditationsübung zum Entspannen und Zur-inneren-Ruhe-kommen. Meine Stimme und die Musik klingen aus dem Lautsprecher des Laptops. Das geht ganz einfach, nur die Klienten sind überrascht, dass selbst so ein Element beim Online-Coaching möglich ist.

Timeline auslegen
Wenn wir an Zielen oder an Projekten arbeiten, dann bitte ich die Klienten aufzustehen und den Laptop oder den Computer so zu platzieren, dass ich sie in einem größeren Raum sehen kann. Vorab haben wir geklärt, dass wir auch einen Boden mit etwa 2-3 m Länge nutzen werden. Eine Klientin hat mich neulich in ihren Flur geführt, weil jeder andere Raum voll mit Möbeln gestellt war.

Die Klienten legen dann z.B. die Schnur aus, legen beschriftete Moderationskarten als Meilensteine aus, gehen ihren Zieleweg und lassen die einzelnen Stationen auf sich wirken. Eine klassische Vorgehensweise im Coaching also. Ich muss dabei nicht im gleichen Raum sein oder jedes Wort lesen können. Ich notiere mir meist auf einem Zettel die Meilensteine mit, um die Klienten dann eng begleiten zu können, die körperlichen Veränderungen beobachten und zurückspiegeln und sie gut durch die Methode führen zu können.

Welche Kompetenzen braucht ein Online-Coach zusätzlich?

1) Minimum an Technik-Kompetenz
Coach-Kolleg/innen trauen sich Online-Coaching oft nicht zu, weil sie sagen, dass sie Angst vor der Technik haben. Natürlich hat das was damit zu tun, dass nicht alle gleichermaßen mit den Online-Tools vertraut sind. Skype ist jedoch eine mittlerweile sehr verbreitete Möglichkeit über Video und Audio miteinander in Verbindung treten zu können. Mehr braucht es auch gar nicht. Und das kann man sehr gut üben, so dass man innerhalb kürzester Zeit sicher wird.

2) Kreativität & Mut
Es ist eine kreative Leistung, sich immer wieder zu überlegen, wie man Coaching-Methoden in Online-Raum übertragen kann. Da darf man als Coach auch einmal was ausprobieren, man darf experimentieren und soll nicht erwarten gleich die perfekte Lösung zu haben. Die Klienten finden oft genau diese unperfekten Methoden besonders eindrücklich.

3) Menschlichkeit über Distanzen zeigen können
Als Coach kann man hier und da etwas Privates erzählen oder zeigen - mehr als in einem Live-Coaching. Denn dies schafft menschliche Nähe. Auch eine allzu perfekte Vorbereitung bewirkt vielleicht Bewunderung, schafft aber eher Distanz.

4) Klarheit und Führungsqualität
Nicht nur Coachs, sondern auch viele Klienten haben durchaus auch Ängste was die Technik und den Ablauf angeht. D.h. es ist sehr wichtig, dass man als Coach Sicherheit und Orientierung bietet. Also klare Anweisungen gibt, eine klare Struktur für die Stunden hat und bei Umwegen wieder auf den Hauptpfad zurückführt, so dass der Klient sich in den virtuellen Raum fallen lassen kann.

Ich kann nur ermuntern, diese Form des Coachings auch auszuprobieren, denn sie kann ohne weiteres nachhaltig, menschlich-nah und sehr kreativ sein!


Über die Autorin: Iris Komarek ist seit 2000 Lehrcoach und Lehrtrainerin (DVNLP, INLPTA, nlpaed), Suggestopädin (DGSL), Gedächtnistrainerin (BVGT) und seit 2004 auch zert. Online-Trainerin. In ihren Online-Cochings und -Trainings integriert sie all diese Kompentzen zu ungewöhnlichen, kreativen, nachhaltigen und wissenschaftlich fundierten Angeboten. Seit 2004 bietet sie NLP-Ausbildungen als blended learning Variante an und leitete damit einen Paradigmen-Wechsel in der Vermittlung von Soft-Skill Themen ein. Iris Komarek leitet zusammen mit Bert Feustel das Institut mindSYSTEMS in München und arbeitet am liebsten von überall auf der Welt aus. www.mind-systems.de.