Fachbeiträge

Stiefkind Bühnentechnik

 

Ein Fachbeitrag von Florian Gründel

 

Der Redner ist kaum zu hören, die Zuhörer rufen „Lauter!“, aus den Lautsprechern pfeift es.
Als Reaktion darauf nimmt der verunsicherte Redner den Platz auf der Bühne ein, der ihm am wenigsten „gefährlich“ erscheint: neben der Blumendeko im hinteren Bühnendrittel. Dort ist er kaum noch zu sehen; die Scheinwerfer beleuchten ihn nun nur knieabwärts. Die Videoprojektion verzerrt sein Gesicht zur Unkenntlichkeit – dafür stellt er wortwörtlich seine eigenen Folien in den Schatten.

Bei einer solchen Vorstellung gelingt es weder dem Redner noch dem Publikum, sich so richtig auf die Inhalte zu konzentrieren. Was von solch einem Auftritt hängen bleibt, sind nicht die spritzigen Ideen, die wichtigen Projektdetails oder die exzellenten Argumente. Nein. Was langfristig hängen bleibt, das sind die negativen Begleitumstände und ein ungutes Gefühl beim Gedanken an den nächsten eigenen Vortrag.

Jeder hat solch eine Situation schon erlebt. Die meisten sogar mehrfach.
Ich behaupte sogar, dass dies bei den meisten Veranstaltungen eher die Regel als die Ausnahme ist. Sicher – das geschilderte Beispiel mag ein Extremfall sein. Nach über 20 Jahren auf und hinter deutschen Bühnen wage ich aber zu behaupten, dass solche oder ähnliche Fälle einfach immer noch viel zu oft vorkommen.

Technikerehre und blinde Flecken

Die meisten Redner sind mangels technischen Wissens völlig unzureichend darauf vorbereitet, vor größerem Publikum zu sprechen. Wie immer gibt es eine Handvoll Naturtalente. Auch schaffen es ein paar wenige clevere Redner, ihr Ego hinten an zu stellen und sich auf den Rat ihrer versierten Techniker einzulassen.
Das Gros jedoch liefert Vorträge ab wie zuvor beschrieben und pflegt einen stiefmütterlichen Umgang mit dem Thema Technik. Die typische Reaktion darauf: „Na, so schlimm ist es jetzt im Großen und Ganzen auch wieder nicht“.
Doch. Ist es. Leider.

Bisher kommen viele Redner leidlich gut ohne Technik-Knowhow durch. Die Techniker bügeln mit an Zauberei grenzender Beherrschung ihres Equipments das Schlimmste aus. Das Qualitätsbewusstsein im Berufsfeld Veranstaltungstechnik ist über die Jahre im Zuge der zunehmenden Professionalisierung der Branche stetig gewachsen. Zukünftig werden aber auch Redner, analog zur Professionalisierung von Technikern und Veranstaltern, ein Mindestmaß an Professionalisierung im Umgang mit Technik mitbringen müssen.

Fit für die Bühne

Wann immer ich das Thema anspreche, höre ich wie „interessant“ und „wichtig“ das Thema sei, und „wie gut, dass sich endlich mal jemand des Themas angenommen hat“.
Allerdings: Was nutzt es, wenn die Weiterbildungsbranche unzählige Kurse zu Rhetorik, Selbstsicherheit und Präsentationsprogrammen à la „Pimp my Powerpoint“ anbietet, aber kein Redner dabei lernt, warum auch der Umgang mit Mikrofon, Licht, Video und dem „Wirkungsraum Bühne“ in seiner Verantwortung liegt?

Natürlich ist (Selbst-)Erkenntnis kein angenehmer Prozess, aber wer gehört werden will und seine Inhalte für wichtig erachtet (warum stehen Sie sonst auf einer Bühne?), muss auch dafür sorgen die Inhalte so rüber zu bringen, dass die (technischen) Rahmenbedingungen nicht zum Störfaktor werden.

Im Gegenteil. Technik bietet Rednern viel (noch ungenutztes) Potenzial richtig zu glänzen! Technikbeherrschung hilft auch gegen Lampenfieber. Das ist ähnlich wie bei Flugangst: Flugangst lässt sich durch die intensive Auseinandersetzung, durch Wissen um die Technik, die Prozeduren und die Verantwortung der Beteiligten am Prozess deutlich reduzieren. Genau so verhält es sich mit Bühnentechnik. Dem Redner, der beispielsweise weiß, welche Mikrofontypen es gibt, wie sie sich unterscheiden und welches Mikrofon in welcher Situation am sinnvollsten ist, dem fällt es leicht, mit dem jeweiligen Mikrofon so umzugehen, dass es nicht nur nicht zum Störfaktor, sondern zu einem Verstärker der Inhalte wird. Mehr als nur im akustischen Sinne. Zu einer echten Unterstützung des Redners und seines Anliegens!

Person, Inhalt, Technik im Einklang

Nur wer als Redner mit sich im Reinen ist, in seinem Inhalt „ruht“, und die Technik beherrscht, hat überhaupt das Potenzial, sein Publikum überzeugend anzusprechen.
Die für einen souveränen Sprecher relevanten Bereiche Person, Technik und Inhalt überschneiden sich an vielen Stellen thematisch. Sie lassen sich nicht einzeln betrachten.
Die Person des Redners, seine Selbstsicherheit beeinflusst seinen Umgang mit Technik – und umgekehrt. Das ist besonders dann wichtig, wenn die Technik mal nicht so funktioniert, wie sie sollte. Ein guter Redner ist stets darauf gefasst und weiß damit umzugehen.

Auch zwischen den Bereichen Person und Inhalt gibt es Wechselwirkungen: Nur wer in seinem Thema ruht, kann auch souverän öffentlich darüber sprechen. Wer nachts um drei aus dem Schlaf gerissen wird und eine Frage zu „seinem Thema“ spontan beantworten kann, kann sich vor Publikum sicher fühlen. Leider ist das noch keine Garantie dafür, das Thema auch für Laien verständlich machen zu können. Die Möglichkeiten der didaktischen Verpackung, die einfache Übersetzung komplexer Informationen – auch das muss ein Redner, der nachhaltig Wirkung bei den Zuhörern erzielen will, gegebenenfalls erst lernen.

Inhalt und Technik wiederum beeinflussen sich bei den Präsentationsformen. So ist aufmerksam abzuwägen, wie Inhalte aufbereitet und strukturiert werden und ob die Technik bestimmte Darstellungsmethoden vorgibt oder ausschließt. Wer schon ein Problem mit der souveränen Bedienung von Powerpoint und dem kleinen Videobeamer im Konferenzraum hat, der sollte über alternative Präsentationssoftware wie Prezi oder größere Bühnenauftritte lieber nicht nachdenken.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Viele Redner bilden sich zwar fleißig fort, lernen Selbstsicherheit, Rhetorik und die moderne Aufbereitung von Inhalten. Wenn dabei allerdings immer ein so entscheidender Teil wie die Technik fehlt, können die Vernetzung des Wissens und der Transfer in die Praxis nicht gelingen. Dabei braucht es für das Thema Technik gar nicht viel Aufwand. An ein bis zwei Tagen kann man sich das notwendige Basiswissen aneignen, der Rest ist learning-by-doing von Vortrag zu Vortrag – im Idealfall begleitet vom persönlichen Coach. Methoden aus dem systemischen Coaching helfen das technische Wissen so effektiv und nachhaltig zu verankern, dass die Lernkurve von der „bewussten Anwendung“ hin zur „intuitiven Verwendung“ gelingt. Sobald Sie als Redner Ihr Know-How jederzeit ganz selbstverständlich griffbereit haben, verliert der Satz “wenn Technik begeistert“ auf einmal seine gesamte Ironie – und Sie gewinnen deutlich mehr Spaß an einer der schönsten Herausforderungen, die es aus meiner Sicht gibt: vor einem begeisterten Publikum auf einer Bühne zu stehen.

Über den Autor:
Florian Gründel ist öffentliches Sprechen seit Jahrzehnten aus allen Perspektiven vertraut: Als Veranstaltungstechniker, als Zuhörer sowie als Redner, Trainer und systemischer Business Coach (SHB). Seine Stärke ist die verständliche Vermittlung komplexer Themen. Gründels erklärtes Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihre öffentlichen Auftritte durch den souveränen Umgang mit Technik nachhaltig zu verbessern. Mit „Bühnenfit“ (buehnenfit.de) bietet er entsprechende Workshops und Speaker-Coachings an und arbeitet derzeit an einem Buch zum Thema.